Im griechischen Mythos ist, natürlich, alles anders. Da wird Orpheus, dem begnadeten Sänger, sein Weib für immer entrissen, als er sich beim Weg empor aus der Unterwelt nach ihm umwendet. Bei Gluck finden Orpheus und Eurydike in guter barocker Tradition des "lieto fine", des glücklichen Endes, dank der Güte des Liebesgottes wieder zusammen - und wenn der Chor "Triumph sei Gott Amor!" singt, befinden wir uns am Ende einer (am schlichten Handlungsgerüst gemessen) kurzen Zwei-Personen-Oper, die prall angefüllt ist mit herrlicher, hochemotionaler und hochdramatischer Musik.
Noch heute spürt man, was Gluck mit ihr und mit seiner Personenzeichnung erreichen wollte: spüren wir die Kraft dieses Gegenentwurfs zu den Schematismen der damaligen italienischen und französischen Oper. Zumal die Chorsätze der Furien und der Schatten haben in ihrem vorwärtstreibenden Schwung wie auch in ihrer rhythmischen und melodischen Kraft geradezu Ohrwurm-Charakter.
Am genauesten und feinfühligsten begegnet Frieder Bernius dem Werk. Er legt es - auch dank dem mit zurückhaltender Feinheit gestaltenden Sängerpaar Nancy Argenta und Michael Chance - als ein Stück im Spannungsfeld zwischen lyrischem Verweilen und packendem theatralischem Anspruch an. Seine Einspielung der Wiener (Original-)Fassung von 1762 findet Konkurrenz lediglich in einer Aufnahme, die eigentlich gar keine Konkurrenz ist. John Eliot Gardiner hat als bisher einziger Dirigent jene Fassung der Oper auf den Markt gebracht, die Hector Berlioz 1859 schuf. In dieser Version ist die ursprüngliche Kastratenpartie des Orpheus für einen tiefen Mezzosopran umgearbeitet worden; außerdem wurden die Ballette gestrichen, der berühmte Furientanz sowie die für die französische Erstaufführung des Stücks 1774 komponierten Erweiterungen der Eurydike-Partie jedoch beibehalten.
Es ist Gardiner als großes Verdienst anzurechnen, dass er diese Fassung mit den Augen eines "Authentikers" betrachtet, analytisch durchdrungen und ihr gleichsam ein zweites Leben eingehaucht hat. Anne Sofie von Otter gelingt es zudem, aus ihrer Partie eine intensive Gefühlsstudie zu machen, die unter die Haut geht: Wie dieser Orpheus leidet und empfindet, wie er Sehnsucht und Verzweiflung in bewegte Töne fasst - das lässt die geschliffene, hochästhetische Darstellung durch Michael Chance bei Frieder Bernius denn doch ziemlich alt aussehen.

Susanne Benda




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