Edvard Grieg

Peer Gynt (Musik zum Schauspiel von Henrik Ibsen op. 23)

Barbara Bonney, Urban Malmberg u.a., Gösta Uhlins Vokalensemble, pro musica kammerchor bremen, Göteborger Sinfoniker, Neeme Järvi

Deutsche Grammophon 423 079-2
(1987) 2 CDs, Uraufführung: 1876 in Oslo



Edvard Grieg

Peer Gynt (Musik zum Schauspiel von Henrik Ibsen op. 23)

Mari-Anne Haeggander, Urban Malmberg u.a., San Francisco Symphony Orchestra, Herbert Blomstedt

Decca 425 448-2
(1988) Uraufführung: 1876 in Oslo



Jeder Fußball-Fan, jeder TV-Bier-Trinker kennt sie: die "Morgenstimmung", und (fast) jeder glaubt der Reklame, nach der Griegs Hit einen frischen Frühlingsmorgen in Norwegens Meer- und Berglandschaft schildere. Nonsens! Denn hier wird ein Sonnenaufgang über der Sahara imaginiert! Dorthin hat es Peer Gynt verschlagen - im vierten Akt des gleichnamigen Versdramas, zu dem Henrik Ibsen seinen gefeierten Landsmann bat, die passende Bühnenmusik zu schreiben. Und weil das Uraufführungs-Publikum einzelne Stücke daraus bejubelte und der Verleger Geld für die Partitur sehen wollte, stellte Grieg kurzerhand die beiden allbekannten Suiten mit den orchestralen Sahnestücken zusammen.
Wer aber den echten Peer Gynt kennenlernen möchte - diesen norwegischen Prahlhans, Herumtreiber und Brauträuber auf seiner fantastischen Reise und (Selbst-)Flucht aus dem dämonisch-mythischen Dovre-Reich über Marokkos Wüstensand bis zur Rückkehr (per Schiffbruch) in die Heimat, wo ihn Solveig, seine altgewordene Geliebte, in den sanften Schlummer wiegt und also von seinen Irrfahrten erlöst - wer also diese ungemein farbige Peer-Gynt-Story und -Musik erleben will, der sei auf die vollständige Schauspielmusik verwiesen.
Und zwar auf Neeme Järvis Einspielung. Denn diese bringt (in norwegischer Sprache) nicht nur die erste authentische Fassung, die das Kuddelmuddel um die verschiedenen Versionen in eine sinnfällige Ordnung bringt; sie ist auch eine ungemein lebendige, spannende Vergegenwärtigung dieses Kaleidoskops der elegischen, verführerischen, skurrilen, herben, ja brutalen Seiten des norwegischen Fantasten. Grieg offenbart sich als höchst fantasievoller Komponist: mit einer Tanz-Fidel, mit Chorgebrüll und Kirchengesang, Gewitter, Trollen- und Gnomenspuk, drei Säterinnen (à la Rheintöchter) und einer exotisch-orientalischen Anitra, die allesamt Peer Gynt verführen wollen. Järvis Göteborger Musiker wie auch Barbara Bonney (im einzig wirklichen Solopart inmitten der Sprechrollen) leuchten alles vortrefflich aus.
Allenfalls Herbert Blomstedts gekürzte, in der Orchesterkultur aber nicht minder prägnante Einspielung kann da als Alternative genannt werden. Im übrigen wollten die beiden berühmtesten Norweger des letzten Jahrhunderts mit ihrem Gemeinschaftswerk nicht zuletzt den Nationalismus und manche Eigenheiten ihrer Landsleute aufs Korn nehmen, als da - ihrer Meinung nach - sind: der Hang zur Selbsttäuschung, zu Selbstüberhebung und konservativen Engstirnigkeit. Aber in diese innernorwegische Angelegenheit sollten wir uns besser nicht einmischen.

Christoph Braun




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