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Gabriela Montero

Baroque

Gabriela Montero

EMI 514 838-2
(52 Min., 6/2007, 7/2007) 1 CD

Publikum und Kritik scheinen einen regelrechten Narren gefressen zu haben an den Improvisationskünsten von Gabriela Montero, und ihr Label EMI reagiert prompt nicht nur mit entsprechenden CD-Veröffentlichungen, sondern auch mit der Ankündigung, man könne Frau Montero nun alle 14 Tage mit einer Improvisation aus ihrem eigenen Wohnzimmer erleben, die jeweils zum Download aus dem Internet bereitgestellt wird. So viel Trubel – aber was ist denn eigentlich dran an diesen Improvisationen?
Wenn man wie der Autor dieser Rezension aufgewachsen ist mit der konzertanten und liturgischen Improvisationskunst großer Organisten, wenn man oft live oder mittels Tonträgern erlebt hat, wie Pierre Cochereau, Pierre Pincemaille oder Andere mit ihren ad hoc entworfenen kleinen Kunstwerken etwa durch geschickte Kombination und Verarbeitung von Zitaten Bedeutungshorizonte eröffnen, wie sie souverän und gleichzeitig kreativ mit z. B. mit polyfonen Verarbeitungstechniken jonglieren und vom Ricercar über eine komplexe Doppelfuge im Stile Bachs bis hin zur Sonate oder Sinfonie alles zu extemporieren vermögen, wie sie ferner ein Kaleidoskop von modal geprägter Harmonik über schlichte Dur-Moll-Tonalität bis zu einer vielfältigst erweiterten harmonisch Sprache wohldosiert zum Einsatz bringen und kombinieren, dann ist man doch immer wieder verwundert, wie viel Aufsehen Gabriela Montero mit ihren vergleichsweise sehr schlichten Fantasien zu erregen vermag. Nicht dass Frau Montero selbst etwa mehr aus dem zu machen versuchte, was sie da tut: Sie erhebt nicht den Anspruch, besonders geistreich oder gar intellektuell am Klavier zu agieren, sie bekundet vielmehr, die Musik fließe einfach so aus ihr heraus. Aber warum soll sich der Hörer begeistern an der sinnlosen Kombination des Händel’schen „Hallelujah!“ mit einer Habanera-Bassfigur à la "Carmen", warum an der permanenten Repetition des Prélude-Kopfthemas der E-Dur-Violinpartita von Bach im Gospelpianostil? Solche Querverbindungen sind bestenfalls unterhaltsam, aber sie ergeben keinerlei Sinn. Dazu kommt eine überaus simple Harmonik: Man giert danach, wenigstens einmal einen Septim-Nonen-Akkord zu hören, auf alterierte Klänge o. ä. wartet man nach einer Weile schon gar nicht mehr; über weite Strecken arbeitet Frau Montero mit schlichter Dreiklangsharmonik, Effekte erzielt sie häufig mit Rückungen. Auf rhythmischer Ebene werden oft standardisierte Patterns durchgenudelt, aber es passiert so gut wie nichts, es gibt keine echten Entwicklungen. Und satztechnisch ist ganz Ebbe: Manchmal erscheint allenfalls eine Melodie in Tenorlage, aber polyfon Raffiniertes irgendwelcher Art ereignet sich so gut wie nie. Bleibt Frau Monteros Fähigkeit, kurzweilig und unterhaltsam mit Bekanntem zu spielen und dieses auf amüsante Weise zu verfremden – das ist unterm Strich nicht sehr viel. Jeder mittelmäßige Jazzpianist hat ein ungleich größeres Repertoire an Improvisationstechniken. Wie gesagt, kein Vorwurf an Frau Montero, sie spielt eben, was ihr in den Sinn kommt. Aber die Begeisterung des Publikums stimmt bedenklich.

Michael Wersin, 08.02.2008



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