Die fünf DVDs dieser Box eröffnen ein weites Spektrum nicht nur im Blick auf die Vielfalt des Bach’schen Oeuvres als solchem, sondern vor allem auch hinsichtlich der vielfältigen Möglichkeiten, diese Musik zu interpretieren. Ob dabei – im einen oder anderen Sinne – wirklich eine "Essenz" angeboten wird, wie der Titel der Sammlung behauptet, sei dahingestellt.
Einen Höhepunkt enthält gleich die erste DVD: Das Freiburger Barockorchester spielt sämtliche "Brandenburgischen Konzerte" auf historischen Instrumenten im Spiegelsaal des Köthener Schlosses; unmöglich, in diesem Rahmen allein auch nur die exponierten solistischen Leistungen der Barockspezialisten zu würdigen. Faszinierend ist, um zumindest zwei Beispiele zu nennen, mit welcher spielerischen Leichtigkeit etwa Friedemann Immer seine barocke Trompete im zweiten der Konzerte traktiert, begeisternd auch, wie souverän der Cembalist Michael Behringer im fünften mit dem sehr raschen Tempo des Kopfsatzes umgeht.
Die "h-Moll-Messe" der Thomanerknaben unter Leitung von Georg Christoph Biller fällt dagegen deutlich ab: Teils gravierende Intonationsunsicherheiten gibt es nicht nur bei den Knaben, sondern auch im Solistenquartett; der interpretatorische Ansatz kann als "historistisch mit modernen Mitteln" klassifiziert werden – man fragt sich, was schnelle Tempi und pseudo-barocke Artikulationsmanieren im Verein mit Böhm-Querflöten und so genannten "Bachtrompeten" für einen Sinn ergeben können.
Wenn schon, dann gleich richtig "modern" und dazu ausgiebig "verfremdet", scheinen sich dagegen die flinkfingrigen Könner von German Brass zu sagen: Musik von Bach – darunter freilich die "d-Moll-Toccata" und der "Choral aus der Kantate 147" – für zehn Blechblasinstrumente bearbeitet und überaus virtuos dargeboten – eine wahre Freude, wenn der Hörer seinen Historismussinn abzuschalten bereit ist und sich daran zu erfreuen vermag, was man mit Bach so alles machen kann.
Und wenn Bach German Brass verträgt, dann verträgt er auch die Darbietung des "Wohltemperierten Klaviers" (Teil 1) auf einem opulenten Steinwaykonzertflügel, aufgezeichnet je hälftig in der "New Art Gallery Walsall" mit Andrei Gavrilov und im "Palau Güell" zu Barcelona mit Joanna McGregor jeweils aus vielen verschiedenen Perspektiven, in unterschiedlichen Räumen, mit unterschiedlichsten Beleuchtungen und nicht zuletzt auch mit immer wieder anders gekleideten Künstlern: Ein Spektakel, das Bachs Musik mal in Jazzatmosphäre, mal poppig und dann wieder ganz seriös erscheinen lässt. Rein pianistisch schneidet die motorisch wie interpretatorisch aus dem Vollen schöpfende Joanna McGregor deutlich besser ab als der nicht uneitle, aber gelegentlich unpräzise Gavrilov.
Was schließlich Ton Koopman einerseits allein an der Silbermannorgel in der Freiberger Marienkirche und an anderen Tasteninstrumenten, andererseits im Duett mit dem wackeren Bassisten Klaus Mertens zu bieten hat, muss als ambivalent bezeichnet werden: Koopman begeistert zweifellos durch sein stupendes Können auf der großen Orgel und seine Kreativität als Continuospieler, aber Klaus Mertens präsentiert sich mit Schemelliliedern recht steif mit stereotypen Verzierungen und hausbackenem Habitus.

Michael Wersin, 08.02.2008



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