Joseph Haydn

Die Schöpfung

Edita Gruberova, Josef Protschka, Robert Holl u.a., Arnold Schoenberg Chor, Wiener Symphoniker, Nikolaus Harnoncourt

Teldec/Warner Classics 2292- 42682-2
(1986) 2 CDs, Komponiert: 1796/97, Uraufführung: 1798 in Wien



Grundsätzlich ist C-Dur eine ziemlich gewöhnliche - um nicht zu sagen: langweilige - Tonart. Im Schulterschluss von Haydn und Bernstein freilich gewinnt C-Dur die Dimensionen eines außergewöhnlichen Ereignisses. Nachdem zum Zwecke der “Vorstellung des Chaos” (Ouvertüre) zunächst kein funktionell-harmonischer Halt in Sicht ist - “Die Erde war ohne Form und leer”, singt Raphael, bei Bernstein ein Erzengel mit dem unverkennbar sprechenden Timbre von Kurt Moll -, fasst einen die plötzliche Tonika an wie eine Urgewalt. Und es wird Licht!
Wenn Leonard Bernstein dieses anzündet, brennt erwartungsgemäß keine Funzel, sondern ein wahres Feuerwerk. Und auch im weiteren Verlauf des Oratoriums legt der befeuernde Amerikaner unter all das kräftig Zunder, was (zumindest dem Text Gottfried van Swietens nach) ansonsten aus heutiger Perspektive oft zu einer gewissen Betulichkeit neigt.
Wem philologische Korrektheit im allgemeinen und die historische Aufführungspraxis im besonderen am Herzen liegt, der mag der Einspielung Nikolaus Harnoncourts den Vorzug geben, die übrigens zu den wenigen unumstrittenen Aufnahmen des Alte-Musik-Pioniers zählt. Auch von Harnoncourt wird man bestens - was den Chor angeht, sogar besser - bedient als bei Bernstein, zudem geraten instrumentale Details selbst in verborgensten Nischen hier so plastisch wie sonst nirgends. Dennoch muss ich gestehen, dass ich dem Demagogen Bernstein, seinem sehr persönlichen und überaus temperamentvollen Zugriff auf Haydns Aufklärungs-Oratorium trotzdem immer wieder wehrlos erliege.

Susanne Benda




Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Zugegeben: Letzte Woche haben wir mit unserer CD-Empfehlung ganz schöne Hör-Kalorien aufgetischt. Dagegen wirkt das a-capella-Album deutscher Adventslieder von Schwesternhochfünf wie ein Spaziergang im Winterwald: klar, kühl, konzentriert. Die Stimmen beginnen im Einklang wie ein Schwesternkonvent der Hildegard-von-Bingen-Zeit, doch schon, wenn beim Arrangement von „Maria durch ein Dornwald ging“ hörbar ein Geflecht aus Sekunden und Reibungen zu flirren beginnt, zeigt das Album, was in […] mehr »


Top