Joseph Haydn

Sinfonie Nr. 104 D-Dur ("Salomon")

Berliner Philharmoniker, Hans Rosbaud

Deutsche Grammophon 457 720-2
(1956) Komponiert: 1795, Uraufführung: 1795 in London


Joseph Haydn

Sinfonie Nr. 104 D-Dur ("Salomon")

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, Michael Gielen

Intercord/EMI 544 051-2
(1988) Komponiert: 1795, Uraufführung: 1795 in London


Joseph Haydn

Sinfonie Nr. 104 D-Dur ("Salomon")

Münchner Philharmoniker, Sergiu Celibidache

EMI 5 56518 2
(1992) Live-Aufnahme, Komponiert: 1795, Uraufführung: 1795 in London


Dem falschen Bild vom "Papa Haydn" haben nicht erst die Verfechter des Originalklangs heftig widersprochen. Verständnisvolle Musiker wussten schon immer, dass Joseph Haydn ein experimentierfreudiger Komponist gewesen ist, der zu seiner Zeit das verkörpert hatte, was man heute Avantgarde nennt. Immer darauf aus, Neues zu erproben, hat sich Haydn in keinem seiner Werke wiederholt. Allein die unzähligen Varianten, die er in seinem umfangreichen sinfonischen Werk durchprobierte, zeugen von dieser Experimentierlust.
Die letzte der zwölf "Londonder"-Sinfonien, zugleich der letzte Beitrag Haydns zu dieser Gattung überhaupt, liegt in zahlreichen Aufnahmen vor. Dreimal hat sich sogar Herbert von Karajan ihretwegen ins Studio bemüht. Doch Vorsicht: Gerade seine Einspielungen sind ein Beispiel dafür, wie sehr man den Sinn dieser Musik verfehlen kann. Karajan lässt mit großem Gestus aufspielen, doch hinter der glänzend aufpolierten Klangfassade tönt es hohl und bedeutungsleer. Haydns musikalischen Esprit haben Dirigenten, die sich der Moderne gegenüber aufgeschlossen zeigten, oft viel besser zu treffen gewusst, als so mancher große Pultvirtuose.
Hans Rosbaud zum Beispiel, leidenschaftlicher Anwalt der seriellen Avantgarde, hat 1956 mit den Berliner Philharmonikern eine luzide Einspielung von Haydns letzter Sinfonie vorgelegt. Rosbaud suchte den Witz im Detail und wurde fündig. Jede Phrase wird von ihm präzise durchartikuliert, jedes Motiv seiner Bedeutung entsprechend gewichtet. Haydns Modernität kommt für mich in dieser alten Mono-Aufnahme weitaus stärker zur Geltung als in den meisten Einspielungen jüngeren Datums.
Noch radikaler als Rosbaud, der lange Zeit Chefdirigent des Orchesters des Südwestfunks Baden-Baden war, geht diese Sinfonie einer seiner Nachfolger, nämlich Michael Gielen an. Atmet bei Rosbaud das Menuett noch alte höfische Eleganz, so lässt es bei Gielens forschem Zugriff schon mehr den Scherzo-Typus Beethovens ahnen. Auch sonst sind Gielens Tempi überaus zügig, was seiner Interpretation etwas Vorwärtsdrängendes verleiht. Doch ist es nicht primär eine Frage des Tempos, ob Haydn als gemütlicher "Papa" oder als Avantgardist erscheint. Betont langsam lässt etwa Sergiu Celibidache diese Sinfonie musizieren, und doch gelingt ihm Atemberaubendes. Der ganze Reichtum von Haydns unerschöpflicher Erfindungskraft ist in diesem Mitschnitt aus München vor dem Hörer ausgebreitet.

Peter Blaha




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