Joseph Haydn

Sinfonie Nr. 101 D-Dur ("Die Uhr")

Orchester des 18. Jahrhunderts, Frans Brüggen

Philips 422 240-2
(1987) Komponiert: 1794, Uraufführung: 1794 in London



Joseph Haydn

Sinfonie Nr. 101 D-Dur ("Die Uhr")

Camerata Salzburg, Sándor Végh

Orfeo C 469 971 B
(1994) Komponiert: 1794, Uraufführung: 1794 in London



"Tick, Tack, Tick, Tack" intonieren Fagotte und Streicher zu Beginn des zweiten Satzes (Andante) von Joseph Haydns Sinfonie Nr. 101. Diese gemächlich pendelnde Bewegung zieht sich durch den gesamten Satz, weswegen die Sinfonie beim Londoner Publikum bald den Spitznamen "Die Uhr" bekam. Haydn hatte die Sinfonie während seines zweiten Londoner Aufenthalts 1794/95 komponiert, und wie alle seiner zwölf Londoner Sinfonien erntete sie großen Erfolg.
Wie die meisten Untertitel zu Haydns Sinfonien stammt auch "Die Uhr" nicht vom Komponisten, und wenn charakterisierende Titel auch durchaus hilfreich bei der Unterscheidung der zahlreichen Sinfonien sein können, so tragen sie doch insgesamt eher zu einer unseligen Verniedlichung des Haydn-Bildes bei. Doch allein der unkonventionelle dramaturgische Aufbau des "Uhrwerk-Andantes" mit seiner beinahe tragischen Moll-Passage im Mittelteil und der völlig unerwarteten Generalpause beweist, dass Haydn an nichts weniger gelegen war als an rokokohaft tändelndem Musizieren. Im Gegenteil: Er forderte das wache und aufmerksame Hören.
Bei den meisten Orchesterwerken der Wiener Klassik kann der Hörer mittlerweile wählen zwischen Aufnahmen im sogenannten Originalklang, also mit historischen Instrumenten, und solchen mit konventionell besetzten Orchestern - so auch bei Haydns Sinfonien. Eine der überzeugendsten Einspielungen der Sinfonie Nr. 101 (sowie aller zwölf "Londoner Sinfonien") stammt von Frans Brüggen und dem Orchester des 18. Jahrhunderts; es sind fließende, schlanke und dabei stets organisch und entspannt wirkende Interpretationen, die niemals in die Unsitte ruppigen Hau-den-Lukas-Gebarens verfallen, die einige Verfechter des Originalklangs gelegentlich mit Authentizität gleichsetzen.
Die Camerata Academica aus Salzburg musiziert mit modernen Instrumenten, aber ohne groß-sinfonische Geste. Sándor Végh, bei uns immer noch viel zu wenig bekannt, leitet eine gleichzeitig architektonisch überzeugende wie wunderbar warmherzige Interpretation der Sinfonie.

Thomas Schulz




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