Joseph Haydn

Streichquartette op. 20 (Sonnenquartette)

Quatuor Mosaïques

Astrée Auvidis/Helikon E 8784
(1992) 2 CDs, DDD


Joseph Haydn

Streichquartette op. 20 (Sonnenquartette)

Hagen Quartett

Deutsche Grammophon 439 920-2
(1992, 1993) 2 CDs, DDD


Gemeinhin gelten Haydns Quartette op. 20, die ihren Beinamen "Sonnenquartette" der Titelblatt-Vignette eines alten Drucks verdanken, als Vorzeige-Werke des klassischen Wiener Stils. Wer mit diesem ein saturiertes stilistisches Angekommen-Sein verbindet, der liegt allerdings gründlich falsch. Zwar ist die Gattung des Streichquartetts - obwohl die Quartette op. 20 in den Autographen noch "Divertimenti" genannt werden - hier an einem ersten Höhepunkt angelangt. Doch geht es Haydn deutlich noch um das Experimentieren mit den vorhandenen Mitteln und Möglichkeiten, um das Austasten der Grenzen dessen, was er vorfand und (für sich und andere) vorformte.
Dass die Stellung des Menuetts in dieser Werkgruppe variabel gehandhabt wird, ist dabei nur ein Aspekt. Gewichtiger ist die Aufwertung der Finalsätze, die polyphon (teilweise als Fugen mit bis zu vier Themen) durchgearbeitet werden. Stilelemente der höfischen Unterhaltungsmusik, der Sinfonie, der Oper und der Triosonate gleiten ebenso ineinander wie Konvention und (sehr individuelle) Innovation, Volkstümlich-Musikantisches (extrem ist hier der zigeunerhafte Menuett-Charakter des vierten Quartetts) und ein geradezu mathematisch anmutender struktureller Zugriff. Spannung liegt über den Quartetten op. 20. "Wenn Haydns Karriere hier geendet hätte," mutmaßte einmal ein Musikwissenschaftler, "dann hätte wohl niemand erraten können, welche von einem halben Dutzend möglicher Richtungen er später eingeschlagen hätte."
Zwei Streichquartett-Formationen tragen diese Spannungen besonders eindrucksvoll aus: das (auf historischen Instrumenten spielende) Quatuor Mosaïques und das Hagen-Quartett. Dabei geht das Quatuor Mosaïques deutlich radikaler (und tonlich kompromissloser) vor: Hart stoßen da Kontraste an- und aufeinander; manches Hör-Bild ist zum Zerreißen schön und schrecklich zugleich, und die Fuge des fünften Quartetts ist ein ganz und gar verzweifelnder Satz, den man sich nur bei Sonnenschein zumuten sollte.
Im Vergleich gibt sich der Zugriff des Hagen-Quartetts deutlich vermittelnder, insgesamt zarter: als wolle das Quartett die klingenden Grenzwerte, die Haydn hier ausreizt, weniger als mögliche End- denn als Ausgangspunkte für jene Entwicklungen (bei Mozart und vor allem bei Beethoven) verstehen, die das op. 20 ja tatsächlich initiierte.

Susanne Benda




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