Joseph Haydn

Sinfonie Nr. 102 B-Dur

Concertgebouw-Orchester Amsterdam, Nikolaus Harnoncourt

Teldec/Warner Classics 2292-43675-2
(1988) Komponiert: Sommer 1794, Uraufführung: 1795 in London


Joseph Haydn

Sinfonie Nr. 102 B-Dur

La Petite Bande, Sigiswald Kuijken

DHM/BMG 05472 77351 2
(1995) Komponiert: Sommer 1794, Uraufführung: 1795 in London


Joseph Haydn ist der Überraschungskomponist der klassischen Epoche schlechthin. So jedenfalls versteht ihn Nikolaus Harnoncourt in seiner Einspielung der zwölf Londoner Sinfonien. Und er macht mehr als verständlich, warum Haydn, der über Jahrzehnte in Esterházy "eingeschlossene" und vor sich hin experimentierende Meister der klassischen Formen, auf seine späten Tage mit diesen Werken in England Jubel einheimste. Auch wenn die Sinfonie Nr. 102 nicht so populär erscheint wie seine bekannteren Geschwister und Namensträger (etwa Nr. 101 "Die Uhr"), so wartet es doch mit einem besonderen Ausmaß an Esprit, Originalität und handwerklicher Meisterschaft auf.
Das zu zeigen, ist Nikolaus Harnoncourt eine Herzensangelegenheit. Sein Zugriff ist nichts für Träger von Herzschrittmachern: so vehement fahren seine Tutti-Schläge drein, nachdem vorher die lieblichste Melodie eingelullt hat (Vorsicht also vor diesem Menuett und seinem Trio). Vor allem Haydns rhythmischer Witz liegt bei Harnoncourt in besten Händen. Mit größter Freude setzt er Synkopen und Akzente gegen die Taktschwerpunkte, modelliert die plötzlichen Pausen zu Ausrufungszeichen, um dann katapultartig aufzufahren. Ein spritzigeres, kapriolenhafteres Finale lässt sich kaum denken.
Nicht ganz mit diesem Witz und Biss (und einem etwas langatmigen Adagio), dafür mit schlankeren, noch durchsichtigeren Stimmlinien kommt Sigiswald Kuijkens vierzigköpfige "kleine Bande" daher. Ihre vom Klang der historischen Instrumente begünstigte federnde Rhythmik erscheint gemäßigter, Kuijkens Proportionsgefühl kultivierter als Harnoncourts, dessen Vehemenz auch vor Derbem nicht zurückscheut. Man mag dies bedauern (wie ich) oder gutheißen - will man Haydns kontrapunktisch-spannungsgeladene und überaus kurzweilige Meisterschaft im kleinsten Detail studieren, dann steht einem hier die beste Möglichkeit zur Verfügung. Jedenfalls mag man nach Harnoncourts und Kuijkens Haydn-Abenteuern kaum noch auf Großveranstaltungen à la Karajan zurückgreifen.

Christoph Braun




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