Wolfgang Amadeus Mozart

Streichquartette Nrn. 14-19 ("Haydn-Quartette") KV 387, 421, 428, 458, 464, 465

Amadeus-Quartett

DG 423 300-2
(1964, 1966) 6 CDs, Gesamtaufnahme aller Quartette



Wolfgang Amadeus Mozart

Streichquartette Nrn. 14-19 ("Haydn-Quartette") KV 387, 421, 428, 458, 464, 465

Talich-Quartett

Caliope 9241, 9242, 9243
(1983, 1984, 1985) 3 CDs, Komponiert: 1782 bis 1785



Als Leopold Mozart im Winter 1785 seinen Sohn in Wien besuchte, erlebte er in Mozarts großer Wohnung in der Domgasse einen denkwürdigen Quartettabend. Erst im Januar hatte Mozart die Vollendung des letzten der sechs Quartette, die wir unter dem Namen Haydn-Quartette kennen, in sein kleines "Verzeichnüß" eingetragen, das er seit 1784 penibel führte. Nun wurden die letzten drei Werke dieser Reihe dem Widmungsträger Haydn vorgetragen - Mozart selbst spielte die Bratsche -, und Haydn sagte in seiner nicht gerade überschwänglichen Art zum stolzen Vater: "Ich sage ihnen vor gott, als ein ehrlicher mann, ihr Sohn ist der größte Componist, den ich von Person und den Nahmen nach kenne: er hat geschmack und überdies die größte Compositionswissenschaft".
Mozart konnte innerhalb weniger Stunden einen vollkommenen Sonatensatz schreiben. Diese "gelehrten" sechs Quartette aber sind Frucht einer mühevollen, langen Arbeit. Nirgends sonst zeigen Mozarts Autographen soviel gestrichene, ausradierte Stellen, so viele verschiedene Papiersorten. Weil Mozart dem verehrten Haydn offenbar zeigen wollte, dass er dessen berühmte "russische" Quartette op. 33 tiefbegriffen hatte, sind die Quartette, die jedes für sich ein unverwechselbares Gesicht haben, geradezu überladen mit kontrapunktischen und harmonischen Kunststücken.
Dass etwa im langsamen Satz des Es-Dur-Quartetts der Gruppe der Tristan-Akkord anklingt, hat Generationen von Hörern ebenso verblüfft wie die kühne Adagio-Einleitung des C-Dur-Quartettes, das man unter dem Namen "Dissonanzen-Quartett" kennt. Doch während Fürst Krazalkovicz angeblich wegen dieser "falschen" Töne die neugekauften Noten ins Feuer werfen ließ, nahmen Haydn und Vater Leopold daran keinen Anstoß.
Die Interpretationen des Amadeus-Quartetts sind Glücksfälle der Schallplattengeschichte, und in ihrer so selbstverständlichen Lebendigkeit entziehen sie sich allen Vergleichen. Mochte man im Konzert zuweilen Angst haben, dass der oft etwas kapriziös wirkende Primarius Brainin vor lauter Spielfreude davoneilen könnte, erfasst die Mozart-Einspielung des Amadeus Quartetts bei aller vitalen, berauschenden Klangschönheit auch die kühle, strenge Seite dieser vielleicht komplexesten aller Mozart-Kompositionen. Dies ist vollkommenes Quartettspiel.
Das Prager Talich-Quartett besticht mit der präzisesten Lesart und bietet trotz Stahlsaiten die wahrhaft "historische" Aufnahme, denn jene Versionen, die sich "historisch" nennen - Kuijken-Quartett, Quatuor Mosaïques -, sind seltsamerweise beim Lesen der nicht absichtslos von Mozart so genau und vielfach abgewandelt notierten Bögen und Akzente ungenauer. Und dass man Mozart damals absolut ohne Vibrato gespielt hat, das glaube ich nicht. Die Talichs aber verbinden ohne den dogmatischen Krampf der Originalklang-Ensembles singende Anmut und gründliche Text-Ergründung.

Matthias Kornemann




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