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Franz Schubert

Klaviersonate B-Dur D 960

Mitsuko Uchida

Philips 456-572-2
(1997) Komponiert: 1828

Es kann kein Zufall sein, dass die "Winterreise" und die B-Dur-Sonate von Jugend an meine Lieblingskompositionen aus Schuberts Feder gewesen sind – was wohlgemerkt nichts über meine Jugend aussagt. Mit ihrer Interpretation der letzten Sonate Schuberts hat mir aber erst jetzt Mitsuko Uchida gezeigt, warum das so ist: Das "lyrische Ich", das die Pianistin in der Sonate vergegenwärtigt, es ist das gleiche wie das der Winterreise - ein heimat- und rastloser Wanderer ohne Ziel und Sinn.
Gleich vorneweg die Mahnung: Dies ist ein Schubert für Fortgeschrittene, die radikalste Entniedlichung des großen Verkannten, die mir geläufig ist, und also eine Großtat. Natürlich ist es keine sonderlich originelle Erkenntnis, dass die Modernität, die Wahrheit von Schuberts Musik in ihrer Trostlosigkeit und Ausweglosigkeit zu suchen ist: Wo Beethovens Formsinn wenigstens noch die Illusion einer sich sinnvoll fügenden Welt vorführt, demonstriert diese Musik in seither selten wieder eingeholter Radikalität jene Ortlosigkeit, unter der 180 Jahre später, wohl nicht mehr nur ein verkannter Lehrersohn im Metternich-Österreich zu leiden hat.
Wie senkt uns Mitsuko Uchida diese Sicht der Dinge ins Herz, wie überredet sie den Hörer, hinter dem "Schwammerl" die Not der eigenen, unserer Zeit zu entdecken? Man muss nur einmal erleben, wie sich nach zweimaligem Durchlaufen der Exposition der erste Themeneinsatz der Durchführung nochmals aufrafft, die eigentlich durchaus anheimelnde Melodie des Kopfthemas vorzuführen: Auch die "Winterreise" endet beim "Leierkastenmann"!
Da ist es nur ein schwacher Trost, dass der Mensch - auch durchaus bei Uchida - gelegentlich tatsächlich zum Singen befähigt ist: Selbst die Kunst bietet in dieser Einöde keine haltbare Zuflucht mehr. Uchida weiß zudem, dass ein Schubertsches Forte ganz anders zu klingen hat als eines bei Beethoven. Schubert bleibt der Sphäre des Appassionato selbst dann fern, wenn er laut wird: Die Hörer rennen immer wieder gegen eine Wand, ein Zuwachs an Dynamik verheißt keinen Zuwachs an Kraft, um sie zu durchbrechen, um durchzustoßen in jene bessere, andere Welt.
Mitsuko Uchida überlässt sich rückhaltlos dem Verharren. Wo andere Künstler, auch Alfred Brendel, der Versuchung nicht widerstehen können, jedes kleinste motorische Signal, jede Verheißung von Entwicklung aufzunehmen und umzusetzen, kommt der zweite Satz der Sonate bei Uchida fast gar nicht von der Stelle: Die Schreitbewegung der Begleitung scheint im Morast stecken zu bleiben. Jede Deutung dieses Satzes muss seine Kärglichkeit ernst nehmen: Hier passiert nichts, denn nach einem expressiven Mittelteil kehren wir unverändert zum Anfang zurück.
Nach einem spieluhrengleichen Scherzo - eine elegante Lösung, um die Interpretation kohärent zu gestalten -, wird schon beim ersten Ton des Finales, jene G-Oktave, deutlich, dass sich in diesem Hörerleben nichts mehr ändern wird. Schlaff, energielos, unmotiviert klingt dieser Anfang: "Und wieder muss ich los?", scheint er uns sagen zu wollen. Wer diesen Moment wirklich wahr-nimmt, kann sich dem Rest des Satzes nur noch mit Schicksalsergebenheit überlassen. Tatsächlich der einzige Weg, jenes Elend zu überleben, in dem wir uns heute mit Schubert verbunden wissen?

Stefan Heßbrüggen, 01.12.1999



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