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Franz Schubert

Klaviertrios B-Dur op. 99 und Es-Dur op. 100

András Schiff, Yuuko Shiokawa, Miklós Perényi

Teldec/Warner Classics 0630-13151-2
(1995) Komponiert: 1827

Dass der klassische Sonatenhauptsatz - mit einem Wort: Beethoven! - am besten als Übung in Hör-Dialektik verstanden wird, in der die musikalische Energie aus der Spannung zwischen These und Antithese erwächst, um in der Aufhebung der Durchführungsynthese nochmals überhöht zu werden, das ist bitte schön nicht nur graue Musiktheorie: Ähnliche Prozesse treiben schließlich auch das Menschengeschlecht voran (nicht umsonst hat man den Themendualismus des Sonatenhauptsatzes auch mit dem Gegensatz von Männlichem und Weiblichem verglichen). Beethovens Spätwerk, das aus ganz anderen Kategorien heraus verstanden sein will, markiert da eine Epochenschwelle: Klassisch-dialektisch konnte man nach dem Titanen nicht mehr weiterkomponieren. Es blieben zunächst nur die Hummels, Czernys und Webers.
Und Schubert. Fünfhundertsoundsoviel Lieder sind eine Menge, doch sollte man darüber nicht vergessen, dass nur dank Schubert die Sonate im 19. Jahrhundert überhaupt noch eine Chance hatte. Diese zweite Chance verdankt sich aber einem gegenüber Beethovens Vorbild radikal gewandelten Musikverständnis - was zugleich erklärt, warum gute Schubert-Interpretationen so rar sind. Und warum gute Schubert-Interpretationen süchtig machen: Selten hat mich eine CD so anhaltend und intensiv beschäftigt wie Schuberts Klaviertrios mit András Schiff am Flügel, der Geigerin Yuuko Shiokawa und dem Cellisten Miklós Perényi.
Schuberts Tugend ist die Subversion. Gerade hat man sich in einer Stimmung eingerichtet, sich auf einen Tonfall eingestellt, wird einem im Hören leise der Teppich unter den Füßen weggezogen und darunter wartet das Nichts. Nicht die Konfrontation gegensätzlichen Materials, sondern die meditative Betrachtung des scheinbar Ewiggleichen, das doch in immer wechselndem Licht erscheint, erzeugt in Schuberts Musik den hypnotischen Zwang, ihr weiter und weiter zu folgen. Und dieses fast buddhistische Element in Schuberts Tonsprache, dieses pflanzenhafte Knospen von Themen und Melodien, dessen Sinn man nur findet, wenn man sich seiner Sinnlosigkeit ergibt, setzen Schiff, Shiokawa und Perényi mit seltener Meisterschaft um - Zen und die Kunst, Schubert zu spielen.
Man muss nur hören, mit welcher Unterscheidungskraft und liebevoller Zuwendung die drei in der Durchführung des Kopfsatzes von op. 100 ein und dasselbe Thema durch zig harmonische Rückungen und Veränderungen hindurch führen, in einer zarten Klarheit, die immer nur die Nuance kennt - kein Bogen, keine Architektur, sondern ein Klangfeld in diffuser Dämmerung. Hieraus in das grelle Licht des Es-Dur-Hauptthemas zurückgestoßen zu werden, ist eine fast traumatische Erfahrung: Die triumphale Geste seiner Dreiklangsmelodik klingt auf einmal hohl und aufgesetzt. Ihre Wiederaufnahme in der Coda des Finales wirkt nach der von Schiff und seinen Mitspielern exzessiv in Szene gesetzten Raserei dieses so gar nicht behaglichen Rondos wie eine höhnische Suggestion von Haltlosigkeit. Der bitteren Realität dieses Dur-Geschmetters ist selbst am Ende des längsten Klaviertrios des klassischen Repertoires nicht zu entkommen.
Verstehen wir Schubert inzwischen? Schiff, Shiokawa und Perényi können uns jedenfalls ein weites Stück des Weges weisen, der uns Schuberts Genie näher bringt.

Stefan Heßbrüggen, 01.12.1999



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