Claudio Monteverdi

Die Krönung der Poppea (L'incoronazione di Poppea)

Arleen Augér, Della Jones, Linda Hirst, James Bowman, Sarah Leonard, Gregory Reinhart u.a., City of London Baroque Sinfonia, Richard Hickox

Virgin/EMI 5 45082 2
(1988) 3 CDs, Uraufführung: 1642 in Venedig



Claudio Monteverdi

Die Krönung der Poppea (L'incoronazione di Poppea)

Rachel Yakar, Eric Tappy, Trudeliese Schmidt, Paul Esswood, Janet Perry, Matti Salminen u.a., Monteverdi-Ensemble des Opernhauses Zürich, Nikolaus Harnoncourt

Teldec/Warner Classics 0630-10027-2
(1978) 2 CDs, Uraufführung: 1642 in Venedig



"Besteig, oh meine Geliebte, den höchsten Platz der kaiserlichen Macht". Wem hier auch Unmoralisches in den Sinn kommt, liegt nicht falsch. Denn was Kaiser Nero seiner Geliebten, der Nobelhure Poppea, ins Ohr säuselt, gilt nicht nur dem Thron. Poppea will an die Macht und wählt den Weg durch Neros Bett, nachdem sie dessen Mutter und Gattin beseitigt hat. Mit solcher Macht-Geilheit siegt auch der Gott respektive das Prinzip Amor/Venus, die Vernunft aber in Gestalt des stoischen Philosophen und Kaiserpädagogen Seneca - sie muss sich moralinsauer bis in den Selbstmord verkrümeln. Was für ein Skandalwerk des vierundsiebzigjährigen (!) Claudio Monteverdi, der sich sowenig um die gängige Moral und Opernpraxis schert!
Nikolaus Harnoncourt hat vor fünfundzwanzig Jahren in Zürich zusammen mit Jean-Pierre Polennelle Entscheidendes zur Wiedergeburt dieses Werks beigetragen. Lange Zeit galt mir denn auch seine (zweite) vor Energie nur so strotzende Einspielung (der kürzeren, venezianischen Fassung) als Maß aller Poppea-Dinge. (Wer hierzu den absoluten Kontrast liebt, der sollte sich Karajans Wiener Tremolosahneschmachtversion von 1960 anhören).
Doch mit Richard Hickox' neapolitanischer Lang-Version ist ihm Konkurrenz erwachsen. Zwar kommt Harnoncourts Pioniertat hinsichtlich der von Monteverdi weitgehend offen gelassenen Instrumentierung farbenfroher, üppiger daher; auch ist ihm die Drastik inklusive Komik der Textausdeutung (etwa im dämonischen Lachen, mit dem die Konsuln Poppea die Kaiserkrone überreichen) wichtiger als Hickox. Dieser aber erreicht einen Grad an filigraner Detailarbeit, an subtiler Gesangs- und Sinnenlust wie sonst keiner. Hat man sich an die (zeitübliche) Besetzungspraxis gewöhnt, wonach Männer durchaus Frauenrollen singen können und umgekehrt, so betört die Intensität, mit der sich Hickox' Protagonisten in ihre Rollen hineinknien.
Einem Monteverdi-Neuling sei zuerst der berühmte Nero-Poppea-Schlussgesang anempfohlen: schon allein dieses schönsten aller Liebesduette wegen, das die Operngeschichte kennt, gerät man ins Schwärmen; wenn es dann auch noch derart sublim, intim präsentiert wird wie von Arleen Auger und Della Jones, dann muss man eingestehen: die Anfänge der Oper waren zugleich schon Höhepunkte. Da spielt denn auch die Echtheitsfrage keine Rolle - das muss einfach vom "Orfeo"-Komponisten stammen, denn nur er konnte mit Tönen derart verzaubern!

Christoph Braun




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