Eigentlich ist es ja eine schöne Sache, einen Kenner bei der Hand zu haben, der einen beim Opernbesuch auf versteckte Schönheiten des Werks hinweist. Nur will man während der Aufführung nicht alle paar Sekunden am Ärmel gezupft werden. Aber genau das passiert bei der Aufzeichnung dieser ansonsten überaus gelungenen Neuinszenierung von Carl Nielsens Maskarade. Zwar trägt die Leistung des Orchesters unter dem sichtlich inspirierten Nielsenexperten Michael Schønwandt wesentlich zum Erfolg der Produktion bei – doch die unablässigen Schwenks ins Orchester, mit denen die Kamera den Zuschauer beglücken zu müssen meint, zerstören jeden der großen lyrischen Bögen, die diese zu Recht als "dänischer Falstaff" bezeichnete Oper bei aller Quirligkeit auch besitzt. Höhepunkt der Schneidewut ist eine Arie im ersten Akt, in der Patriarch Jeronimus wehmütig den alten Zeiten nachtrauert: Hier wechselt die Kameraperspektive alle vier Sekunden. Dabei mangelt es der Inszenierung keinesfalls an optischer Abwechslung: Die Sänger sind allesamt überzeugende Charakterdarsteller, Akrobaten fliegen durch Bühne und Zuschauerraum. Überdies werden von den riesigen Seitenbühnen des neuen Kopenhagener Opernhauses ständig weitere Teile von Marie í Dalis Bühnenbild hereingefahren, das die Wohlstandsträume der Protagonisten mit hintergründigem Witz aufs Korn nimmt. Ein Aufwand, der sich lohnt: Indem die Inszenierung den Konflikt zwischen Vätern und Söhnen, auf dem das im Rokoko spielende Stück beruht, als rituelles Spiel in einer saturiert gewordenen Gesellschaft begreift, hält sie dem Betrachter aufs schönste den Spiegel vor. So, wie es schon Nielsens 1905 entstandene Musik tat. Denn deren Verdienst war es gewesen, die typisierten Gestalten der alten Holbergkomödie als maskierte Gestalten der eigenen Gegenwart zu zeichnen und damit auf vergnügliche Weise zu entlarven.

Carsten Niemann, 16.02.2008



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