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Pierre Henry

The Art Of Sounds

Diverse

Juxtapositions/Naxos 9DS43
(109 Min., 2007) 1 DVD

Wie viele Tonbänder mögen es wohl sein? 1.000? Gar 10.000? Auf jeden Fall weiß Pierre Henry, wo was abgespeichert ist. Der Klang einer kaputten Saite. Das laszive Lachen einer jungen Frau. Oder einfach ein Windzug. Und mit einem Handgriff zieht er aus den deckenhohen Regalen seiner vollgestopften Wohnung das richtige Tonband heraus, um seiner Leidenschaft nachzugehen, die gleichzeitig seit über einem halben Jahrhundert auch zur Profession geworden ist: Erst kommt die Kunst des Auswählens und dann die des Komponierens. Und weil Henry sein Schallarchiv auch noch mit 80 Jahren ständig erweitert, geht ihm das Material zwangsläufig nie aus. Wenn er wie ein zweibeiniger Seismograf mit einem Mikro-Galgen durch die Straßen und Parks streunt – und selbst die geheimnisvollsten Geräusche wahr- und aufnimmt. Denn er kann von der Welt der Geräusche, die ihn umgeben, nicht lassen. Ob es nun die naturbelassenen Sounds sind oder einfach nur mal ein Beethoventhema. Pierre Henry macht aus allem etwas, wenn er es in seine elektronischen Gerätschaften einspeist, deformiert, verdreht, überlagert, mixt. "Konkrete Musik" ist das magische Wort, mit dem dieser Prozess des Klangrecyclings bezeichnet wird. Und Pierre Henry ist einer ihrer Pioniere. Seit er zuerst bei Olivier Messiaen studierte, um in den 1950ern mit dem Kollegen Pierre Schaeffer an seinen elektroakustischen Experimenten zu basteln.
Up-to-date sind die damals revolutionären Techniken und Handgriffe längst nicht mehr. Und auch Henry hat etwas von dem Visionären vergangener Tage eingebüsst. Doch das Filmporträt "The Art of Sounds" lohnt sich deshalb, weil die beiden Regisseure Eric Darmon und Franck Mallet eine Dokumentation zusammengeschnitten haben, die noch einmal ein Kapitel der Musikgeschichte Revue passieren lässt. Angefangen von dem ersten klingenden "Musique Concrète"-Manifest "Symphonie pour un homme seul" über die enge Zusammenarbeit Henrys mit dem Choreografen Maurice Bejart bis zu psychedelischen Konzerthappenings. Und rückblickend kommt man sich dann glatt vor wie in einer riesigen, extraterristischen Blase, in der es ständig blubbert und diabolische Frequenzen mit menschlichen Lauten eine mal mystische, mal amüsant flotte Liaison eingehen. Das Altern der Neuen Musik hat Henry seitdem zwar gnadenlos eingeholt. In der Popkultur – so hört man – soll er aber weiterhin ein Guru sein.

Guido Fischer, 16.02.2008



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