Leoš Janáček

Sinfonietta

Wiener Philharmoniker, Charles Mackerras

Decca 448 255-2
(1980) 2 CDs, Komponiert: 1926, Uraufführung: 1926 in Prag

Leoš Janáček

Sinfonietta

London Symphony Orchestra, Claudio Abbado

Decca 448 579-2
(1968) Komponiert: 1926, Uraufführung: 1926 in Prag

Ein Sinfoniker war Leoš Janáček nicht. Das sinfonische Erbe Beethovens weiterzuführen, hatte er seinen Zeitgenossen überlassen, doch am Ende seines Lebens legte er plötzlich ein Werk vor, das er “Sinfonietta" nannte. Der Titel mag ein Hinweis auf ihren äußeren Umfang sein: Neben den abendfüllenden Sinfonien eines Gustav Mahler nimmt sich Janáčeks Sinfonietta mit ihren nicht einmal fünfundzwanzig Minuten Spieldauer tatsächlich relativ bescheiden aus. Doch grenzt der Titel das Werk auch noch in anderer Weise von der spätromantischen Sinfonie ab. Mit ihrem Formenkanon hatte Janáček nichts im Sinn - seine Musik schafft sich ihre Form selbst, wobei kurze, prägnante Motive ihre wesentliche Substanz ausmachen.
Janáčeks Sinfonietta strahlt Optimismus aus. Seine Liebe zu der um einiges jüngeren Kamila Stösslová, die endlich erfolgte Anerkennung für sein Werk sowie die Tatsache, dass die Tschechoslowakei ein unabhängiger Staat geworden war, erfüllte den einundsiebzig Jahre alten, patriotisch gesinnten Komponisten mit Freude und Zuversicht. Festliche Bläserfanfaren rahmen das Stück ein. Sie waren ursprünglich dem tschechischen Turnerverband “Sokol” zugedacht, dessen Mitglied Janáček von Jugend an gewesen ist, doch binnen weniger Wochen wuchs aus dieser Fanfare die fünfsätzige Sinfonietta hervor, mit der der Komponist auch der mährischen Hauptstadt Brünn ein Denkmal setzte. Der Spielberg, das Königin-Kloster, eine Straße sowie das Brünner Rathaus waren ihm Quell der Inspiration. Vor allem aber wollte Janáček “den freien tschechischen Menschen von heute zum Ausdruck bringen".
Man muss dieses Programm nicht kennen, um an der Sinfonietta Gefallen zu finden. Ihr emotionaler Gehalt ist jedem Hörer direkt zugänglich, sofern die Interpretation die Emotionen deutlich genug herausmodelliert. Auf geradezu exemplarische Weise gelingt dies dem Janáček-Experten par excellence Charles Mackerras am Pult der Wiener Philharmoniker. Transparent fächert er die Partitur auf und bringt so die einzelnen Themen und Motive zum Sprechen. Von ähnlich mitreißendem Schwung ist die frühe Aufnahme Claudio Abbados, die er, damals erst fünfunddreißig, mit dem Londoner Sinfonieorchester eingespielt hat.

Peter Blaha




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