Pietro Mascagni

Cavalleria rusticana

Mario del Monaco, Giulietta Simionato, Cornell MacNeil u.a., Orchester der Akademie St. Cecilia Rom, Chor der Akademie St. Cecilia Rom, Tullio Serafin

Decca 421 807-2
(1960) 2 CDs, Komponiert: 1890, Uraufführung: 1890 in Mailand


Pietro Mascagni

Cavalleria rusticana

Giuseppe di Stefano, Maria Callas, Tito Gobbi u.a., Orchester des Teatro alla Scala, Chor des Teatro alla Scala, Tullio Serafin

EMI 5 56287 2
(1953) 2 CDs, Komponiert: 1890, Uraufführung: 1890 in Mailand


1890 saß der sechsundzwanzigjährige Pietro Mascagni im Elend, hatte das Mailänder Konservatorium ohne Abschluss verlassen und war nun Dirigent des städtischen Orchesters von Cerignola - im staubigen Nirgendwo des Südens -, als er von einem Wettbewerb erfuhr, den der Mailänder Verleger Sonzogo um den besten Opern-Einakter ausgeschrieben hatte. Mit dem Elan eines Verzweifelten begann er zu komponieren, so schnell, dass er die Musik teilweise schon geschrieben hatte, bevor seine Librettisten den genauen Text überhaupt eingerichtet hatten.
Das Drama um Eifersucht und Verrat dichtete der Sizilianer Giovanni Verga, dessen Roman "Die Malavoglia" die italienische Antwort auf Zolas Naturalismus war: Er zeigte die Nöte und Freuden der armen Leute und die Hässlichkeit der Welt, in der sie sich entfalten. Mascagni verdanken wir es, dass solche Menschenschicksale nun auch in die aristokratische Kunstform der Oper mit ihren Helden, Göttern und edlen Liebenden einzogen. Gelang ihm das vielleicht so genial, weil er täglich von den Kleinstadttragödien umgeben war? Der Welterfolg des Werks wurde Mascagni zum Fluch. Obwohl er noch fünfundfünfzig Jahre lebte und wunderschöne Opern komponierte – "Iris" besonders ist eigentlich zarter als die "Cavalleria" -, gilt er als "Ein-Werk-Komponist", früh vollendet, früh verdorrt.
Mascagnis Cavalleria-Musik schmiegt sich nicht bloß dem gelegentlich grellen Realismus an, sie ist auch von einer frischen melodischen Schönheit, einer im berühmten Intermezzo raffinierten Süße. Wann immer ich den Beginn höre und Mario del Monaco in der nebligen Frühe des sizilianischen Morgens so herrlich metallisch, männlich sein Liebeslied singen höre, liegt nicht nur meine unangefochtene Lieblingsaufnahme auf, ich denke dann auch immer, dass die Folgegeneration schon nicht mehr solche Verismo-Stimmen hatte, von unseren jetzigen Star-Tenören ganz zu schweigen. Sogar als Kritiker und Schriftsteller tat sich dieser größte aller italienischen Tenöre nach Caruso hervor, was nicht üblich ist bei Tenören. Ich kenne keine stimmlich packendere "Cavalleria" als diese von 1960 mit Tullio Serafin am Pult; der heute vergessene Cornell MacNeil in seiner Paraderolle als Alfio mit latentem Drohtimbre schlägt hier gar Tito Gobbi.
Fehlt nur Maria Callas. Die gab 1938 ihr Bühnendebüt mit der Santuzza, jener zerrissenen Liebenden, die aus verzweifelter Eifersucht ihren Geliebten ins Verderben stürzt. Nie wieder hat sie die Rolle dann auf der Bühne verkörpert. Schade, dass ihr in ihrer Aufnahme - auch unter Serafin - nicht der virtuos unreflektierte del Monaco, sondern Giuseppe di Stefano gegenübersteht. Ein großer Sänger ist auch er, aber sein Turridu ist mir zu durchpsychologisiert, zu intelligent.
So kann ich mir meine Ideal-Cavalleria nur im Geiste montieren, aber das Vergleichen ist schön hier. Das Dreigestirn Serafin - del Monaco - Callas bürgt für eine Cavalleria-Dramatik, die bis heute keinen Staub angesetzt hat.

Matthias Kornemann




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