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Arnold Schönberg

Sechs Lieder op. 6, Kol Nidre, Friede auf Erden u.a.

Jennifer Welch-Babidge, David Wilson-Johnson, Philharmonia Orchestra, Simon Joly Chorale, Robert Craft

Naxos 8.557525
(78 Min., 2003-2006) 1 CD

Es gibt eine Fotografie aus dem Jahr 1900, die den Gründungsvater der Zweiten Wiener Schule von einer etwas anderen Seite zeigt. Auf ihr ist Arnold Schönberg nicht etwa als streng dreinblickender Visionär zu sehen. Mit leicht verrückten Gesichtszügen unter seinem Trachtenkäppi scheint er da vielmehr gerade ein Cello zu quälen. Als Mitglied eines folkloristischen Dorfmusikanten-Quintetts. So kurios dieser Schnappschuss sein mag – er ist zugleich der schlagende Beweis dafür, dass es selbst in der damals noch jungen Neue Musik-Metropole Wien durchaus humorvoll zugehen konnte. Vor dem Hintergrund überrascht es auch nicht, dass Schönberg zu jener Zeit musikalisch oftmals fremdging. So komponierte der 21-Jährige den launig-kecken, in Plattdeutsch gesetzten Chorsatz "Ei, du Lütte". Gerne hätte man diesen selten zu hörenden Leistungsnachweis Schönbergs in vollen Zügen genossen. Leider versteht man nun bis auf gerade mal "Schatzi" kein einziges Wort. Und auch in den Sechs Stücken für Männerchor a-cappella op. 35, die 1929/30 entstanden, hat die englische Simon Joly Chorale-Vereinigung arge Probleme mit dem deutschen Idiom.
Dennoch ist das von Robert Craft zusammengestellte und unter dem Strich umsichtig dirigierte Programm mit Vokalwerken Schönbergs schon deswegen hörenswert, weil es den von Willi Reich an Schönberg verliehenen Titel eines "konservativen Revolutionärs" rundum bestätigt. Die "Sechs Lieder für Sopran und Orchestra" op. 8, die im Werkkatalog unmittelbar neben Schönbergs für die Neue Musik wegweisender 1. Kammersinfonie op. 9 stehen, bieten eine Flut von hochdramatischen und hochromantischen Gefühlswellen à la Richard Strauss (voll inniger Leuchtkraft: Sopran Jennifer Welch-Babidge). Und selbst in "Kol Nidre" op. 39, dieses an die jüdische Liturgie angelehnte Stück für Sprecher, gemischten Chor und Orchester, liegen Tradition und Moderne ganz nah beieinander. Mit den zwölftönigen Infusionen und einem Orchestersatz, der erstaunlich ungeschminkt den "Allegro con anima"-Kopfsatz aus Tschaikowskys fünfter Sinfonie aufgreift.

Guido Fischer, 29.02.2008



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