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François Couperin, Michel-Richard de Lalande

Leçons de ténèbres

Emma Kirkby, Agnes Mellon, Charles Medlam, Terence Charlston

BIS/Klassikcenter CD-1575
(69 Min., 9/2005) 1 CD

Die drei monodischen (d. h. für continuobegleiteten Sologesang gesetzten) Gründonnerstags-Lektionen von François Couperin zählen zu den bekanntesten Lamentationsvertonungen des französischen Barocks, ja vielleicht zu den populärsten Vertonungen dieser liturgischen Texte überhaupt. Ihr hoher Reiz wird bedingt durch die beeindruckend expressive Führung der Gesangsstimme, die die schmerzerfüllte Schwermut der Textaussage (ganz abgesehen vom engen Wort-Ton-Bezug) gewissermaßen atmosphärisch transportiert und gleichzeitig – man beachte die Dichte der vorgeschriebenen Verzierungen – der Sängerin ausgiebig Möglichkeit bietet, ihre technische Fertigkeit zur Geltung zu bringen.
Emma Kirkby hat sich dieser einzigartigen Musik schon einmal im Jahre 1977 gewidmet: Begleitet von einem kleinen Ensemble um Christopher Hogwood, gestaltete sie (leider nur) die zweite der drei Leçons und schlug damals mit der hohen Vollkommenheit ihrer Darbietung die Kollegin Judith Nelson, die die erste und dritte Leçon wesentlich blasser und unfokussierter interpretierte, weit ab. Gut 30 Jahre später liefert Kirkby nun die damals ausgelassene erste und dritte Lektion nach, ohne freilich noch mit demselben jungendlichen Stimmglanz aufwarten zu können wie vor mehr als einem Vierteljahrhundert: Etwas säuerlicher und ein wenig fadenscheiniger ist ihr Gesang geworden, nicht mehr so atemberaubend leicht und geschmeidig wie damals spricht ihr freilich immer noch wunderbares Material an; streckenweise intoniert sie ein Quäntchen zu tief. Das stimmt den Hörer traurig, doch es ist der Lauf der Zeit; lassen wir dennoch die Kirche im Dorf: Kirkbys Gesang ist heute immer noch besser als 1977 derjenige Nelsons, und er ist auch bei Weitem geschliffener und organischer als der von Agnes Mellon, die auf der vorliegenden CD die zweite Lektion zum Besten gibt. Bei den beiden Leçons von Michel-Richard de Lalande, die das Programm dieser CD sinnvoll ergänzen, wiederholt sich das Spiel: Kirkby schlägt sich hier besser als bei Couperin, weil ihr vermutlich die etwas tiefere Tessitura entgegenkommt. Gleiches gilt für Agnes Mellon, die aber auch hier ihr Vibrato gelegentlich nur ganz unter Kontrolle bekommt und in der hohen Mittellage hier und da mit blass-luftigen Tönen die Stringenz der Linienführung konterkariert. Ein Lob also auf die Altmeisterin Emma Kirkby, die sich bis zum heutigen Tage durchaus erfolgreich mit jüngeren Kolleginnen zu messen vermag.

Michael Wersin, 29.02.2008



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