Responsive image
Franz Schubert

Sonate D 960, Ländler D 790

Leon Fleisher

United Archives/harmonia mundi UAR 021
(39 Min., 1956) 1 CD

Die Frage ist beinahe so alt wie das Werk selbst: Soll, ja muss man die Exposition des Kopfsatzes aus der letzten Klaviersonate Franz Schuberts in B-Dur D 960 wiederholen? Die meisten großen Pianisten haben diese Frage mit einem klaren Ja beantwortet; sie taten es aus Gründen der Proportion, der dramaturgischen Schlüssigkeit. Hört man nun in diese Aufnahme aus dem Jahr 1956 hinein, reibt man sich verwundert die Augen: Leon Fleisher, seinerzeit noch ein relativ junger Pianist, verzichtet bei seiner überhaupt ersten Einspielung (und diese dann gleich mit einem solch gigantischen Stück!) im "Molto moderato" auf die Wiederholung und somit auf beinahe fünf Minuten Musik. Ihm ist das einmal Gesagte genug, er will weiter. Aber nicht einfach so: Wie er diese Schnittstelle zur Durchführung, das von Schubert notierte "Ritardando" und die Rückung von F-Dur nach cis-Moll, klanglich gestaltet, das verrät frühe Meisterschaft. Wie ein Lichtwechsel wirkt diese Stelle, so, als würde plötzlich ein Schatten vor die Sonne treten, aber nur für einen Augenblick. Es sind aber nicht nur diese und andere Nuancen, die Fleishers Interpretation in den Stand der Einzigartigkeit erheben. Nein, es ist die bizarre Kombination aus gleichsam philosophischer Souveränität und jugendfrischem Übermut, der diese nun von United Archives als „high definition remastering“ herausgebrachte Aufnahme ihre Außerordentlichkeit verdankt. Schier unglaublich, wie tiefsinnig-weltentrückt etwa das "Andante sostenuto" unter Fleishers Händen gerät; das kennt man nur von Swjatoslaw Richter und Artur Schnabel in dieser Manier. Schier unglaublich aber auch das, was folgt. Denn wie anders – so als sei mit dem Ende des zweiten Satzes die Ruhe dahin, als kehre die Welt zurück – klingen danach die Sätze drei und vier, das eiligst dahin huschende Scherzo und das noch um ein Weites getriebener wirkende Finale (in dem Fleisher die Vorschrift „ma non troppo“ einfach übergeht): Sie klingen beinahe so, als würde jemand vor dem Tod davonlaufen. Das ist so grotesk wie großartig als Gedanke. Und grandios gespielt.

Jürgen Otten, 21.03.2008



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Musik vom Land, statt Musikland: Wenn man sich die britische Musikgeschichte so anschaut, scheint an tatkräftigen Stimmen aus den eigenen Reihen zwischen Henry Purcell und Edward Elgar ein riesiges Loch zu klaffen. Ein Loch, in dem sich vor allem zugereiste Berühmtheiten tummelten, von Händel und Haydn über Mendelssohn bis Weber – die sich übrigens in London alle pudelwohl fühlten! Die Rede vom „Land ohne Musik“ ist ein geflügeltes Wort, seit Oscar Schmitz 1904 seinen Aufsatz zu […] mehr »


Top