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Francisco Javier

Die Reise nach Osten

Div. Solisten, Hespèrion XXI, Königliche Kapelle Katalonien, Jordi Savall

Alia Vox/Harmonia Mundi AVSA 9856
(155 Min., 12/2006 - 7/2007) 2 CDs

Francisco Javier wäre heute, im Zeitalter der Billigfliegerei, auf ein prallgefülltes Konto an Bonusmeilen gekommen. Denn der spanische Missionar war ein Globetrotter, den es in die entlegendsten Winkel zwischen Orient und Okzident zog. In nur zwölf Jahren soll er so rund 100.000 Kilometer zurückgelegt haben. Was angesichts der beschwerlichen Fortbewegungsmöglichkeiten vor 500 Jahren schon mehr als beachtlich war. Doch Javier (1506-1553) konnte nicht anders. Schließlich war er im Auftrag des Herrn unterwegs. Bis nach Japan und vor die Tore Chinas schaffte es Javier – wobei auch die Umwege beispielsweise über Ostafrika sein Ziel waren. Mit im Gepäck hatte Javier dabei neben der Heiligen Schrift auch kirchenmusikalische Meisterwerke eines Cristóbal de Morales. Zugleich interessierte er sich gerade für die lokaltypischen Melodien, um sie religiösen Texten der christlichen Botschaft anzupassen. Entsprechende Zeugnisse solcher musikalischen Bekehrungs- und Belehrungsstrategien sind zwar dem Zahn der Zeit und der spirituellen Rückorientierung des fernen Ostens zum Opfer gefallen. Doch Jordi Savall, dieser Marco Polo der Alte-Musik-Szene, ist tatsächlich fündig geworden. In Form eines einstimmigen "Ave Maria"-Hymnus, der mit chinesischer Pentatonik, Bambusflöten und zarten Tempelglöckchen verziert wurde.
Mit diesem Gesang beendet Savall seine Klangbiografie "Franciso Javier – Die Reise nach Osten" – und diese muss man schlichtweg als editorische Großtat preisen. Denn erneut legt Savall ein Doppel-CD-Buch vor, das in Aufmachung und Inhalt eine Epoche vor dem geistigen Auge und Ohr lebendig werden lässt. Auf 275 Seiten kann man sich in fünf Sprachen über die religionsgeschichtlichen Bewegungen des 16. Jahrhunderts samt ihrer Vordenker von Machiavelli bis Luther informieren, lernt man anhand der Auszüge aus Briefen Javiers die fremden Länder und Menschen genau kennen. So lesens- und auch dank der historischen Stiche sehenswert das Buch ist, so liefert die musikalische Materialflut ein ebenso genaues Bild von den einzelnen Lebens- und Reisestationen des Jesuiten. Mit einer Villancio des Portugiesen Pedro de Escobar wird die Geburt von Javier gefeiert, und es stecken französische Chansons und Gesänge von Heinrich Isaac den privaten und geistesgeschichtlichen Rahmen ab – bevor es dann mit afrikanischen, indischen und asiatischen Klängen auf große Fahrt geht. Mit den entsprechenden Solisten wie den Oud-Virtuosen Driss El Malouni und den Meister an der japanischen Schakuhachi-Flöte, Ichiro Seki, gelingt so Savalls Truppe Hespèrion XXI ein weltmusikalisch spannendes Abenteuer, das auch jenen in Atem halten wird, der sich eher im Säkularen zuhause fühlt.

Guido Fischer, 04.04.2008



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