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Antonio Vivaldi

Nisi Dominus, Stabat Mater

Marie-Nicole Lemieux, Philippe Jaroussky, Ensemble Matheus, Jean-Christophe Spinosi

Opus 111/harmonia mundi OPS 30-453
(41 Min., 7/2007) 1 CD

Geistliche Musik von Antonio Vivaldi: Aufwühlend, ereignisreich, ungemein effektvoll in der Umsetzung der textimmanenten Affekte. Lange Zeit wurde diese Sparte im Werk des rothaarigen Priesters in weiten Teilen stiefmütterlich behandelt; besonders die Gesamtaufnahme des King’s Consort weckte Interesse für die ganze Breite des Repertoires. Heute liegen vom vergleichsweise berühmten "Stabat Mater" einige hochkarätige Aufnahmen vor. Jean-Christophe Spinosi steuert eine weitere bei; ähnlich wie Rinaldo Alessandrini betraut er eine Frau mit dem Solopart. Marie-Nicole Lemieux steht in der vorliegenden Version ihrer Kollegin Sara Mingardo, die bei Alessandrini zu hören ist, in nichts nach: Beide Damen verfügen über ein hohes Maß an Konzentrationsfähigkeit, können Expressivität gewissermaßen als Destillat anbieten, ohne dabei großen äußeren Aufwand betreiben zu müssen – eine Fähigkeit, die für die künstlerische Umsetzung des grenzenlosen Schmerzes einer Mutter beim Tod ihres Sohnes unabdingbar ist. Dabei setzt jede der Sängerinnen ihre eigenen Akzente, kommt zu einem je eigenständigen Ergebnis sowohl auf Detailebene wie auch in größeren Zusammenhängen. Die Neuaufnahme von Marie-Nicole Lemieux ergänzt die ältere von Sara Mingardo, könnte man sagen; wer das Stück liebt, sollte beide hören.
Einen Kontrapunkt zum über weite Strecken sehr verinnerlichten Emotionsreichtum des "Stabat Mater" bietet die furios-virtuose Vesperpsalmvertonung "Nisi Dominus", die der Countertenor Philippe Jaroussky auf dieser CD mit gewohnter Verve bar aller technischen Einschränkungen zum Besten gibt. Faszinierend ist – um nur einen der vielen begeisternden Aspekte seines Gesangs zu nennen – wie Jaroussky innerhalb von schnellen Koloraturpassagen noch per Binnenartikulation zu gliedern vermag; im schnellen Tempo noch überaus präzise zu ordnen und zu gruppieren, um nicht nur die Koloratur als solche, sondern auch ihre Struktur zum Erlebnis zu machen – das ist Virtuosentum gekrönt mit interpretatorischer Intelligenz, das setzt Maßstäbe, hinter die man als aufmerksamer Hörer nicht mehr zurücktreten möchte. Bravo.

Michael Wersin, 11.04.2008



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