Als erster Gambist am Hofe Ludwig XIV. war Marin Marais (1656-1728) zuallererst für die kammermusikalische Einkehr verantwortlich. Die große Operninszenierung war dagegen fest in den Händen seines Lehrers und Vorbildes Jean-Baptiste Lully. Dass Marais jedoch im Laufe seines ereignisreichen Lebens auch auf vier Trágedies lyriques gekommen ist, wussten bis heute nur die absoluten Spezialisten, vorrangig aus den Archiven. Denn selbst seine letzte Oper "Sémélé" von 1709 lag bislang lediglich in einer skelettartigen und damit unaufführbaren Version vor. Diese "partition réduite" entsprach immerhin ganz den ökonomischen Gepflogenheiten jener Zeit. Als man sich trotz aller Verschwendungssucht knauserig bei den Druckkostenzuschüssen zeigte und somit ganz wenige Partituren – wie Lullys "Atys" – in vollem Umfang erscheinen konnten. Anlässlich der Feierlichkeiten von Marais’ 350. Geburtstag erstellte 2006 nun Gérard Geay vom Centre de Musique Baroque de Versailles eine Spielfassung von "Sémélé". Und nicht nur Geay hat ganze Arbeit geleistet. Auch Dirigent Hervé Niquet ist mit seiner Weltersteinspielung das geglückt, was man durchaus als Wunder bezeichnen darf. Die mehr als zwei Stunden vergehen wie im Flug, man ist von dem Reichtum dieses Meisterwerks, von der gravitätischen Ouvertüre bis zu den spektakulär lautmalerischen Effekten wie dem Erdbeben im Schlussakt gepackt wie gefangen.
Niquets Umgang mit der Königstochter Sémélé, die sich in den verkleideten Jupiter verliebt und dafür von Juno mit dem Tode bestraft wird, steht aber auch für einen Musizierstil, der sich meilenweit von der historischen Aufführungspraxis vergangener Dezennien absetzt. Legt man allein die fast 20 Jahre alte Einspielung von Marais’ "Alcyone" durch Marc Minkowski daneben, tun sich riesige Gräben auf. Ging Minkowski Marais’ vorletzte Trágedie lyrique ausschließlich mit dem Bemühen um philologisch korrekte Authentizität an, verwandeln sich jetzt allein die mythologischen Figuren zu Menschen aus Fleisch und Blut. Dank der durch die Bank vorzüglichen Solisten verlieren die Deklamationen und Rezitative jeden Hautgout von Schematismus, ist man unmittelbar in diesem Wechselbad der geheimen Wünsche, eingefädelten Intrigen und explodierenden Emotionen dabei. Und die mal pastoral anmutigen, mal prachtvoll aufgestellten Instrumentalsätze erlebt man in dem hochdynamischen Klangbild genauso räumlich wie die feierlichen Chorsätze, die natürlich im Stile des französischen Hochbarock gleichfalls in magische Tiefen hinabkurven dürfen. Ab sofort ist Marin Marais nicht mehr "nur" der Gambenvirtuose, sondern ein großer Maître der Oper.

Guido Fischer, 18.04.2008



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