Der schottische Regisseur David McVicar ist zurzeit der Liebling vieler Intendanten. Konservativ genug, um die Abonnenten nicht zu verschrecken, modern genug, um auch denen etwas zu bieten, die von der Oper mehr verlangen als ein kostümiertes Konzert. Bereits Mitte der 90er Jahre inszenierte er an der English National Opera Jules Massenets "Manon" und versuchte den Spagat zwischen traditioneller Ausstattung und moderner Deutung. Dafür setzt er sämtliche Personen auf die Bühne und will so die gesellschaftlichen Konventionen deutlich machen, die auf das Liebespaar wirken und gegen die sie sich zur Wehr setzen. Was zunächst eine schöne Idee ist, erweist sich bald als wenig zielführend, wenn das Publikum auf der Bühne jeder Arie applaudiert. So zerstört McVicar die unmittelbare Wirkung von Massenets Bühnenrealismus, gewinnt aber keine neue Ebene hinzu. Diese Gesellschaft bleibt zu distanziert, um wirklichen Einfluss auf Manons Schicksal oder auch nur Anteil daran zu nehmen. Inzwischen ist diese Inszenierung von London nach Barcelona verpflanzt worden und wurde dort im Juni 2007 mit Natalie Dessay in der Titelrolle gefilmt. An ihrer Seite steht Rolando Villazón, mitten in jener Stimmkrise, die kurz nach den mitgeschnittenen Aufführungen zu einer Serie von Absagen führte. Entsprechend wirkt Villazón angeschlagen und unfrei als Des Grieux, stürzt sich jedoch voller Emphase in diese Rolle, mit der er seine Karriere einst begonnen hatte. So gelingen ihm einige große Momente in einer insgesamt unausgeglichenen Rollengestaltung. In seiner großen Arie "Ah! fuyez, douce image" scheint er sich eher unwohl zu fühlen, während er "En fermant les yeux" geradezu atemberaubend gestaltet. Zwischen ihm und Natalie Dessay passiert allerdings überraschend wenig. Die beiden wollen nicht recht zusammenpassen, vor allem weil Dessays Stimme dem großen lyrischen Repertoire des 19. Jahrhunderts nicht recht gewachsen ist. Viel zu vorsichtig buchstabiert sie die Koloraturen nach, die Emphase des hin- und hergerissenen jungen Mädchens wirkt nie glaubwürdig. Den Vergleich mit ihren großen Vorgängerinnen kann sie in keiner Szene bestehen. Wer Natalie Dessay vor ihrer Gesangskrise erlebt hat, den kann der heutige Zustand ihrer Stimme nur traurig stimmen. Samuel Ramey kann als Comte nurmehr die Ruine einer Stimme vorzeigen, den besten Gesang bietet Manuel Lanza als überzeugender Lescaut, der Rest des Ensembles ist zweit- bis drittklassig. Dirigent Victor Pablo Pérez entlockt dem Orchester des Teatro del Liceu berückenden Duft und Farbe für diesen Blick von der "belle epoque" auf die "douce epoque", kann die negative Bilanz aber nicht mehr wenden. Ein Booklet fehlt, die Szenen müssen umständlich über das Menü angewählt werden, weil der beiliegende Zettel einzig die Mitwirkenden auflistet.

Uwe Friedrich, 18.04.2008



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