Die Musikgeschichte schreibt schon erstaunliche Kapitel. Denn merkwürdig ist es durchaus, wenn das Geburtsland der Instrumentalmusik von Konzerten und Sonaten so gar nichts mehr wissen will. Und plötzlich eine ganze Nation bis auf den Hexenmeister Niccolò Paganini aus voller Opernkehle singt. Doch nicht nur in Italien gab es solche erheblichen Absetzbewegungen. Auch im deutschsprachigen Raum teilte sich die Komponistenphalanx in zwei Lager, wenn es gerade um die Kammermusik ging. Während die Konservativen um Johannes Brahms weiterhin eifrig den von Beethoven aufgestellten Kanon zu beerben versuchten, winkten die Neudeutschen um Liszt und Wagner ab. Als ob besonders die Streichquartettform ausgelaugt sei. Von Wagner gibt es immerhin ein kleines "Albumblatt" für vier Streicher, das man angesichts der Monumentalität seines Opernschaffens schnell übersehen kann. Und auch die eifrigen Opernschreiber Verdi, Puccini und Respighi stiegen bisweilen von der großen Musiktheaterbühne herunter, um sich in der kammermusikalischen Königsklasse zu versuchen. Komplettiert von dem Streichquartett des Wagnerfans Engelbert Humperdinck, hat das Leipziger Streichquartett all diese Eintagsfliegen jetzt zu einer Einspielung gebündelt, die jedoch mehr ist als nur ein Raritätenpotpourri. Zumal die Leipziger nichts an jener musikantischen und geistvollen Durchdringung vermissen lassen, mit der sie bisher noch jedes Schwergewicht der Streichquartettliteratur gestemmt haben.
Natürlich kann man beim ersten Durchhören nicht der Versuchung widerstehen, ständig nach einer abgelegten Arie zu suchen. Und zumindest im Fall von Respighis Kammermusikszene "Il Tramonto" braucht man nicht lange zu forschen, verbünden sich die Streicher mit einem Sopran (hier: die wundersames Melos verströmende Ruth Ziesak) zu einer süffig-expressiven Intimität de luxe. Pures Verismo-Schwelgen ohne Worte bietet dagegen Puccinis "Crisantemi"; der bereits 60-jährige Verdi setzte in seinem e-Moll-Quartett auf einen gradlinig durchformulierten und von klassischem Furor angeheizten Stimmensatz. Ähnlich verhält es sich bei Humperdincks dreisätzigem Werk, das in das goldene Zeitalter Joseph Haydns reinschnuppert. So sehr auch dieses Bekenntnis zur absoluten Musik vielleicht um einige Jahrzehnte zu spät kommt, so räumt das Leipziger Streichquartett mit einem Klischee auf: Abgesehen vom kaum aussagekräftigen "Albumblatt" Wagners lag diese Kammermusikgattung tatsächlich in wahren Könnerhänden.

Guido Fischer, 09.05.2008



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