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Sergei Rachmaninow

Unknown Rachmaninow

Denis Matsuev

RCA Red Seal/Sony BMG 88697 15591 2
(60 Min., 5/2007) 1 CD

Der 1975 in Irkutsk geborene Denis Matsuev lässt sich einordnen in die Reihe pianistischer Ausnahmebegabungen, die mit schöner Regelmäßigkeit im Konzert- und Schallplattenbusiness auftauchen und jeweils eine Zeit lang für Furore sorgen – so berichtet etwa ein Kritiker der "New York Times" anlässlich eines Auftritts Matsuevs launig, am Ende des Konzerts habe man erwartet, Rauch von den Händen des Pianisten aufsteigen zu sehen. Interpreten, die über ein derartiges technisches Können verfügen, stehen seitens der nüchtern-strengen Musikkritik dauerhaft unter Generalverdacht: Produzieren sie nicht nur spektakuläre Klangwolken ohne Gehalt? Ergehen sie sich nicht narzisstisch in faszinierend reibungsfreien Bewegungsabläufen, deren tönendes Ergebnis an profilloser Glätte krankt? So kleinkariert derartige Kritik angesichts der zweifellos bewundernswerten spielerischen Leistungen solcher Tastenakrobaten klingen mag – oftmals ist sie mehr als berechtigt. Nicht so im Fall von Denis Matsuev. Denn ob seine Hände beim Spielen zu rauchen beginnen oder nicht: Was er produziert, ist kein interpretatorisch unterbelichteter Virtuosenqualm. Seinen Rachmaninow vermag man u. a. deshalb uneingeschränkt zu genießen, weil er relativ sparsam pedalisiert ist und somit bei aller atemberaubenden Akrobatik entsprechend nüchtern und trocken daherkommt – man möchte sagen, er klingt auf diese Weise noch eindrucksvoller und mitreißender, denn stupende Virtuosität ist hier nicht der Endzweck, sondern ein Mittel zum Erreichen kompromissloser Klarheit und Durchsichtigkeit. An Rachmaninows eigenes Spiel erinnert wohltuend dieser ehrenwerte Interpretationsansatz, wenngleich Matsuev sich nicht so entwaffnend unprätentiös präsentiert wie der Komponist selbst – aber warum sollte er auch.
Und so ist es eigentlich beinahe egal, was Matsuev aus der großen Schatzkiste seines Landsmannes an glitzernden Kleinodien auspackt: Drei "Etudes Tableaux" aus op. 39, zwei "Préludes", die völlig abgefahrene "Klaviersonate Nr. 2" op. 36 in ihrer zweiten Version – alles packt, beutelt und begeistert den Hörer fast pausenlos; eben noch schwelgte er in wunderbar organischen Melodiebögen, beleuchtet durch jene unverwechselbar überreife Harmonik, da schleudert ein trefflich gesetzter dramatischer Ausbruch Tonkaskaden von einer solchen Wucht und Brillanz aus den Boxen, dass die Pulsfrequenz augenblicklich nach oben schnellt. Dies alles ist schon Abenteuer genug. Und dennoch freut sich der Rachmaninowliebhaber über die Erstaufnahme zweier früher Kompositionen aus der Feder des Meisters, einer "Fuge d-Moll" und der Klavierversion einer lange verschollenen Orchestersuite in d-Moll nämlich, beide komponiert im Jahre 1891. Wertvolle Zeugnisse des frühen Rachmaninows, hier erstmals hörend zu erleben – eine Freude, wie eigentlich alles auf dieser faszinierenden CD.

Michael Wersin, 09.05.2008



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