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Ludwig van Beethoven

Die neun Sinfonien, Ouvertüren

Anima Eterna Brugge, Jos van Immerseel

Zig Zag/Harmonia Mundi ZZT 080402-6
(369 Min., 2005-2007) 6 CDs

Die Kraft, die von Beethovens Sinfonien ausgehe, sei nicht an die Klangfarbe gebunden – weshalb man sie auch mit modernen Orchestern überzeugend aufführen könne, hatte Philippe Herreweghe jüngst im Beiheft zu seiner neuen Beethoveneinspielung argumentiert. Ausgerechnet sein Landsmann Jos van Immerseel beweist jetzt das Gegenteil: Ausgangspunkt seines Beethovenzyklus ist gerade der besondere Klang des Wiener Orchesters der Beethovenzeit. Immerseel ist der kompromissloseste Verfechter historischer Korrektheit, und im Fall Beethoven ist das Resultat, das er mit seinen Anima-Eterna-Musikern erzielt, über weite Strecken bezwingend. Denn dieser Beethovenklang ist tatsächlich außergewöhnlich – nicht dünn und spillerig, wie man es von vielen Originalinstrumenten gewohnt ist, sondern warm, sinnlich und sprechend, und wenn es sein muss auch wuchtig und voluminös in den Streichern. Im Vergleich zum polierten Mischklang à la Karajan herrscht freilich volle Transparenz und eine plastische Präsenz: Gerade die Tuttistellen wirken dank der markanten tiefen Instrumente (Fagotte! Kontrabässe!) erheblich kraftvoller als üblich. Im Kontrast zu den vibratolosen Geigen stellt sich so eine gefühlte Dynamik ein, die der akustischen Überwältigungswirkung der Sinfonien zu ihrer Entstehungszeit entsprechen mag. Entscheidend ist allerdings, dass Immerseel und die Seinen diese Klangvorgaben auch mit einem schlüssigen Konzept füllen können: Das ist kein Beethoven aus überhöhter metaphysischer Perspektive, sondern Musik, deren Radikalität gerade durch die traditionellen Elemente deutlich wird, die ihr noch anhaften. Immerseel spielt keine zeitlose, abstrakte Sinfonik, sondern Musik, die in ihrer ganzen Vitalität das Umfeld ihrer Entstehung schildert – ohne dass er dazu so zugespitzte Tempi anschlagen müsste wie Paavo Järvi in seinem aktuellen, viel gepriesenen Beethovenzyklus. Im Kopfsatz der "Eroica" beispielsweise hört man deutlich, wie die anmutigen Phrasen durch die brachialen Tuttischläge in Fetzen gerissen werden, in den Trauermärschen dagegen schwingt bei aller Strenge durch den warmen Klang immer auch eine wienerische, tänzerische Note mit. Denn seit seiner motorisch dominierten Schubertgesamtaufnahme hat Immerseel offenbar dazugelernt, lässt er seinen Musikern mehr kantable Freiräume – und gewinnt der Musik so eine humane Dimension hinzu. Natürlich geht dieser Fleisch-und-Blut-Beethoven, wie jede Interpretation, nicht ohne Zugeständnisse ab: Die langsame Einleitung zur zweiten Sinfonie etwa ist nicht gerade geheimnisvoll, und auch im Allegro con Brio geht Immerseels berechtigtes Ziel, die bahnbrechende Neuheit von Beethovens Musiksprache zu zeigen, etwas auf Kosten von Eleganz und Spielwitz. Auch der wüste Radau, mit dem das Finale der Siebten zur alles zermalmenden Feuerwalze stilisiert wird, dürfte nicht jedermanns Sache sein. Aber egal, ob man ihn mag oder ablehnt: Mit diesem Beethoven wird man rechnen müssen.

Jörg Königsdorf, 16.05.2008



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