Anton Schweitzer

Alceste

Simone Schneider, Christoph Genz, Cyndia Sieden, Josef Wagner, Kammerchor Michaelstein

Concerto Köln, Michael Hofstetter
(149 Min., 10/2007) 2 CDs, Berlin Classics/Edel 0016222BC

 

Zu Christoph Martin Wielands und Anton Schweitzers Oper "Alceste", mit welcher der kleine Musenhof in Weimar eine neue deutsche Operntradition begründete, ist eigentlich bereits alles gesagt: 1777 verfasste Schweitzers Kollege J. M. Kraus zu dem Werk die hinreißendste und schnoddrigste Kritik, die im 18. Jahrhundert über eine Oper geschrieben wurde. Während er Wieland wegen der blutleeren Sprache seiner Figuren zu Recht verreißt ("Alzeste – glatt wie englischer Lack superfein") wechselt die Haltung des Rezensenten zu Schweitzer von Augenblick zu Augenblick: Mal ist Kraus bereit, für eine an Gluck gemahnende Szene vor dem Kollegen niederzuknien, um ihn im nächsten Moment für seine alltäglichen Modulationen und veralteten barocken Rhetorikfiguren als "Dorfschulmeister" abzuwatschen oder Schweitzers grotesk gehäufte Wortwiederholungen boshaft in voller Länge zu zitieren. Dass diese Kritik im Beiheft noch nicht einmal erwähnt wird, ist ein Zeichen falscher Pietät: Der Hörer wird so um das immense Vergnügen gebracht, das Werk mit den Ohren der Zeitgenossen als das zu erleben, was es war: nämlich ein zwar grandios gescheitertes, aber auch grandios anregendes Experiment, über das ganz Deutschland sich zu Recht die Köpfe heißredete.
Ein Trost für Wieland und Schweitzer ist, dass sich die technisch wie stilistisch äußerst erfreulichen Interpreten vorbehaltlos zu Anwälten des Stücks machen. Dies gilt auch für die dezente Regie von Hendrik Müller, die mit kleinen Gesten immer wieder Menschen aus Wielands Masken werden lässt und zusammen mit der musikalisch einfühlsamen Kameraführung von Dieter Schneider sowie den schlichten, aber oft poetischen Bildern der Ausstatterin Mira Voigt so manche unfreiwillig komische Szene rettet – weswegen die DVD-Fassung auch der bloßen CD vorzuziehen ist. Wenn die Oper dadurch auch kein Meisterwerk wird, so kann sie den Zuschauer doch in das belebende Wechselbad der Gefühle stürzen, das Kraus und Mozart bei der Begegnung mit dem Werk genossen. Im Gegensatz zu der 2002 erschienenen kreuzbiederen Ersteinspielung des Werks könnte diese Live-Aufnahme deshalb auch auf lange Sicht die gültige Aufnahme dieses denkwürdigen Musiktheaterexperiments bleiben.

Carsten Niemann, 16.05.2008




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