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Frédéric Chopin

27 Études

John Khouri

Music & Arts CD-1150 (Note 1)
(56 Min., 11/1999) 1 CD

Chopins Etüden gespielt auf einem historischen Klavierinstrument - das kann das Steinway- und Bösendorfer-verliebte Ohr nur schwer verkraften: Bei einer barocken Oboe haben wir mittlerweile verstanden, dass es gerade auch die aus dem noch nicht vorhandenen ausgeklügelten Klappensystem resultierenden "Unvollkommenheiten" hinsichtlich der Ausgewogenheit des Tonvorrates sind, die ein Johann Sebastian Bach u. U. gezielt zu Ausdruckszwecken nutzte; wir haben solche Eigenheiten gemeinsam mit dem kraftvollen, reizvoll herben Klang eines solchen Instruments lieben gelernt. Aber verhält es sich mit den frühen Baustufen des modernen Konzertflügels nicht doch etwas anders? Fehlte es den Klavierbauern nicht einfach noch an Wissen und Geschick zur Hervorbringung eines angenehmen, runden und tragfähigen Klangs vor allem im Diskant? Solche ketzerischen Fragen bleiben nicht aus, wenn man das stumpfe, teils sehr geräuschhafte Ansprechen der Arpeggien der rechten Hand in der C-Dur-Etüde Op. 10,1 auf dieser CD erstmals hört - da scheint John Khouris bemerkenswerte Virtuosität irgendwie ins Leere zu laufen. Hätte Chopin nicht erleichtert aufgejauchzt, wenn er plötzlich einen modernen Flügel zur Hand gehabt hätte? Solche und andere dumme Einwände gegen die historisierende Aufführungspraxis werden auch bei denjenigen Rezipienten wieder wach, die sich schon für gänzlich geläutert hielten. Aber es gibt versöhnliche Momente auf dieser erstaunlichen, verwirrenden CD: Der "dramatische Mittelteil" der E-Dur-Etüde op. 10,3 entfaltet eine viel grundlegendere, bisher unbekannte Kontrastwirkung zu den lyrischen Rahmenteilen, obwohl Khouri auch diese unsentimental und relativ rasch zu Gehör bringt. Und in der F-Dur-Etüde op. 10,8 klingt der Diskant schon perlender, ja lieblicher als in der ersten Nummer der Sammlung. Bei dieser und einigen anderen Etüden erschließen sich auch die gliedernden und vorwärtsdrängenden Kräfte des akkordischen Geschehens in der mittleren und tieferen Lage ganz neu, denn das Instrument aus dem Jahre 1832 (Broadwood Grand Serial No. 12915) hat hier ein ganz anderes, ein härteres und stärker zeichnendes Timbre zu bieten. Kurzum: Bei etwas gutem Willen hört man sich tatsächlich ein in dieses interpretatorische Wagnis, dabei ständig den geradezu draufgängerisch flinken John Khouri bewundernd: Sind diese Stücke schon auf einem modernen Flügel mehr als unangenehm, so schenkt einem das historische Instrument doch wahrlich überhaupt nichts. Aufregend, wirklich aufregend, diese Einspielung.

Michael Wersin, 09.04.2005



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