Unvollendete und damit zunächst unaufführbare Musik großer Komponisten in eine präsentable Form zu bringen, gehört zu den heikelsten und anspruchsvollsten Aufgaben, vor die Musikwissenschaftler und Komponisten sich gestellt sehen können: Entscheidungen von gravierender Tragweite sind zu treffen (z. B.: "Vollendet" man das Werk im Stil des Komponisten oder führt man bewusst einen Stilbruch durch Ergänzung des Bestandes mit "modernen" Passagen herbei?), detektivische Detailarbeit bei der Sichtung des oft skizzenhaft und fragmentarisch niedergeschriebenen Materials ist erforderlich, kurzum: Eine Fleißarbeit mit ungewissem Ergebnis, die ein Höchstmaß an Sachverstand voraussetzt, muss geleistet werden.
Dem finnischen Komponisten Karl Aage Rasmussen ist dies mit der Aufbereitung des Opernfragments "Sakontala", mitten im Particell abgebrochen im Jahre 1820, hervorragend gelungen: Er traf die glückliche Entscheidung, die Unvollständigkeit der Vertonung des Librettos zu akzeptieren (zumal sie an dramaturgisch sinnvoller Stelle endet), und vermochte das vorhandene teils äußerst spärliche Material – wie auch immer er das geschafft haben mag – ohne Hinzuziehung von originaler Musik Schuberts aus anderen Werken (wie häufig praktiziert) so zu vervollständigen, dass der Hörer nun ganz "echt" klingenden, bisher gänzlich unbekannten Schubert erleben kann.
Das Ergebnis dieser geglückten Unternehmung ist ein wundervolles Stück Musik auf der Basis eines im Grunde vernachlässigbaren (an einem heiligen Ort im Himalayagebirge angesiedelten) märchenartigen Stoffes. Frieder Bernius widmet sich dem Werk mit der ihm eigenen Akribie und Imaginationskraft; er versammelt um sich ein hochkompetentes Solistenteam mit Simone Nold in der Titelpartie, Konrad Jarnot, Stephan Loges (der freilich für die Rolle des finsteren Einsiedlers Durwasas entschieden zu jugendlich und freundlich klingt), Martin Snell und anderen. Kongenial unterstützt durch den wie fast immer großartigen Kammerchor Stuttgart und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen räumt das Ensemble mit dem Vorurteil, Schubert habe als Opernkomponist aufgrund mangelnder Begabung für dieses Genre nicht reüssiert, gründlich auf: Warum auch immer er die Arbeit an dieser Oper abgebrochen hat – aus kompositorischen Gründen aufgegeben hat er sicherlich nicht.

Michael Wersin, 23.05.2008



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