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Claudio Saracini, Giulio Caccini, Cristofano Malvezzi, Domenico Belli

Firenze 1616

Le Poème Harmonique, Vincent Dumestre

Alpha/Note 1 ALP120
(58 Min., 9/2006) 1 CD

Die Geburt der Gattung Oper vollzieht sich an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert im Spannungsfeld unterschiedlicher Ansätze: Sollte der neuartige generalbassbegleitete Sologesang (Monodie), der zum tragenden Element der Wiederbelebung der antiken Tragödie (dahin zielten die Bemühungen der "Väter" der Oper) wurde, mittels jener atemberaubenden vokalen Virtuosität, wie sie sich am Ende der Renaissance u. a. durch die Diminutionspraxis entwickelt hatte, seine Expressivität steigern? Oder sollte es sich beim "Recitar cantando" um einen stark deklamationsorientierten, melodisch schlichten und eben darum das Wort optimal zur Geltung bringenden Sprechgesang handeln? Monteverdis genial visionärer "Orfeo" von 1607 vereint im Grunde beide Arten der Monodie: Als Orfeo Charon, der Fährmann in die Unterwelt, zu rühren versucht (er lässt sich nicht rühren, schläft aber immerhin ein), stimmt er einen extrem virtuosen Gesang an, in dem er, ganz der Göttersohn, alle erdenklichen Fertigkeiten seiner Gesangskunst bündelt. Andernorts agiert er dagegen ganz ebenmäßig und klar, dem Sprechduktus folgend.
Was Monteverdi in seiner ersten Oper vereinte, erleben wir auf dieser CD getrennt: Zuerst kommt Giulio Caccini zu Wort, u. a. mit seinem "Rapimento di Cefalo", aufgeführt im Oktober 1600 am Hofe der Medici: Wir staunen über das vokale Feuerwerk, das sich über langen Generalbassakkorden entfaltet und Affekte unmittelbar in stimmliche Bewegung umsetzt. Ganz anders dann "L’Orfeo Dolente" von Domenico Belli, veröffentlicht im Jahre 1616: Harmonische und melodische Brüche, Dissonanzen, deklamatorische Härten bestimmen dieses düstere Werk, das einen vor Verzweiflung und Kummer über den endgültigen Verlust ganz in sich versunkenen Orpheus im leidgetränkten Dialog u. a. mit seiner Mutter Calliope, mit Pluto und mit einem Hirten präsentiert. Was fasziniert, ist die satte und vielfältige Klangfülle der vielfach besetzten Continuoebene, die Ereignisdichte, die hier weitgehend auf improvisatorischem Wege erzielt wird. Begeisternd auch die vokale Potenz der zahlreichen zum Einsatz kommenden Solisten des Ensembles "Le Poème Harmonique": Man kann, so erfährt der Hörer dieser eindrucksvollen CD, mit vergleichsweise geringem Aufwand auf sehr spannende und mitreißende Weise eine Geschichte erzählen und das Innenleben der handelnden Figuren zum Erlebnis werden lassen. Es braucht keine obligaten Instrumente, keine einprägsamen Melodien: Allein die Macht der Sprache wird hier maßgeblich verstärkt, indem die Musik in ihrem Eigenstreben zurücktritt, zur Dienerin wird. Ein großartiger Moment der Musikgeschichte.

Michael Wersin, 23.05.2008



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