Études, Nocturnes, Polonaises und Mazurkas werden in dieser zweiten Andante-Box mit Klaviermusik von Chopin in historischen Aufnahmen vorgestellt. Die Sammlung ist ein Kompendium von Kuriositäten und Faszinosa, von mittelmäßigen bis großartigen Interpretationsleistungen; gerade die qualitative Spannweite überrascht, denn versammelt sind hier doch im Wesentlichen die ganz großen Pianisten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: so verwundern bei einigen Pianisten falsche Töne und technische Ungeschicklichkeiten in einer Häufung, die heutzutage unweigerlich zum Scheitern bei der Aufnahmeprüfung an einer Hochschule führen würden; Edward Kilenyi senior beispielsweise mit seiner Gesamtaufnahme der zwölf Études Opus 10 ist so ein Kandidat, und auch Alfred Cortot griff gern mal daneben, wie man hört. Jan Paderewski dagegen verunklart seine Darbietung der berühmten E-Dur-Nummer aus Opus 12 durch manieriertes Brechen der Akkorde zwecks Hervorhebung der Melodie, was im Endergebnis aber vor allem zu überflüssiger Unruhe führt; Alexander Brailowski, der dasselbe Stück 1928, zwei Jahre später als Paderewski, einspielte, bringt es zu einer weitaus konzentrierteren, dichteren Fassung. Wundervoll duftig und elfengleich zart Jeanne-Marie Darrés Version der ersten Étude aus Opus 25 von 1944, ungeheuer druckvoll und prägnant Vladimir Sofronizkijs Einspielung der dritten Etüde aus Opus 25, live aufgenommen in Moskau im Jahre 1949.
Bei den Nocturnes dann begegnet erstmals Artur Rubinstein mit frühen Einspielungen von 1936, und was er an Ruhe, Klarheit, ungezwungener Stringenz in der Führung der Melodiestimme, technischer Brillanz sowie unprätentiöser Eleganz zu bieten hat, ist einen Quantensprung von den meisten der anderen hier vorgestellten Interpretationsleistungen entfernt; Rubinstein, so muss einmal mehr konstatiert werden, war - trotz Karriere-Knick und Dandy-Jahren - einfach der Chopin-Pianist des 20. Jahrhunderts. Auf der Polonaisen-CD stellt er das mit (klanglich leider deutlich schlechteren) Aufnahmen von 1934 und 1935 erneut unter Beweis. Die Stunde seines in mancher Hinsicht kongenialen Kollegen Vladimir Horowitz schlägt dann bei den Mazurken: Seine Einspielungen von 1949 und 1950 werden denen von Ignacy Friedman, Vladimir Sofronizkij, William Kaspell und Maryla Jonas gegenübergestellt. Besonders eindrucksvoll neben Horowitz auch hier wieder Vladimir Sofronizkij mit zehn Mazurken, live mitgeschnitten im oben bereits erwähnten Moskauer Konzert von 1949.
Zum Lob für die Auswahl der Aufnahmen muss am Ende ein kleiner Tadel im Blick auf die Ausstattung gesellt werden: Die Andante-Macher, die zu relativ hohen Preisen außergewöhnliche Qualität bieten wollen, lassen hier und da ein wenig die Sorgfalt vermissen. Auf dem Cover fehlt etwa als einziges der Name Horowitz, der in der ansonsten (auch grafisch) genau gleichen Auflistung der Pianisten auf der ersten Innenseite dann vertreten ist; Essay-Autor Jed Distler zitiert aus einem Interview mit Edward Kilenyi aus dem Jahre 1993, wo dieser angeblich über "seine" Einspielung der Études berichtet; da Kilenyi senior aber 1968 verstorben ist, kann der Interviewer allenfalls mit dessen gleichnamigem Sohn gesprochen haben.

Michael Wersin, 18.02.2006



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