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Friedrich Gulda, Alexis Weissenberg, Nikolai Kapustin, George Antheil

In A State Of Jazz

Marc-André Hamelin

Hyperion/Codaex CDA 67656
(69 Min., 7/2007) 1 CD

Hamelin im Jazzzustand. Schon öfters hat der kanadische Ausnahmevirtuose mit diesem der Klassik benachbarten und doch so ganz eigenen Idiom geliebäugelt – und nicht nur er allein: Friedrich Gulda, der in diesem Programm mit einigen "Exercises" vertreten ist, strebte ja bekanntermaßen (wenngleich nicht ohne Rückschläge) nach Anerkennung im Jazzmetier, und der Russe Nikolai Kapustin mit seinen höllisch schweren Klavierstücken in angejazztem Stil darf sich gleichfalls als Grenzgänger betrachten. Und ein Dritter kommt auf dieser CD hinzu: Der bulgarische Pianist Alexis Weissenberg, der seine wundervollen "Six Arrangements of songs sung by Charles Trenet" einst unter dem Pseudonym "Mr. Nobody" auf Schallplatte einspielte und nie in Noten veröffentlichte; Hamelin hat sie für den Eigengebrauch von ebenjener Schallplatte abgehört bzw. -geschrieben.
Und wie macht sich Hamelin auf dem glatten Parkett des Jazz? Nun, in einem wichtigen Punkt handelt es sich ja bei den hier versammelten Stücken in aufführungspraktischer Hinsicht gar nicht um Jazz: Es wird überhaupt nicht improvisiert, sondern es wird zuvor in Noten Fixiertes aufgeführt. Aber dieser Umstand entbindet natürlich dennoch nicht von der Pflicht, sich in puncto Artikulation, Phrasierung und Anschlagstechnik mit der so ganz anderen Ausdruckswelt des Jazz auseinanderzusetzen; und dies scheint ihm, so weit aus klassischer Sicht zu beurteilen, sehr gut gelungen zu sein: Hamelins Nonlegato ist blitzsauber, wie kleine bunte Perlen purzeln Tausende säuberlich voneinander getrennter Noten in die Ohren des Hörers. Der Duktus seines Spiels kann als unaufgeregt und "laid back" auch im größten Getümmel bezeichnet werden. Die Musik wird lebendig durch wohlgesetzte Akzente, wenngleich Hamelin sich in diesem Punkt vielleicht eher als „Edeljazzer“ präsentiert, denn selbst die klassischsten unter den "Echten", z. B. Oscar Peterson, artikulieren und phrasieren weitaus ruppiger und kantiger. Aber dafür ist’s ja eben auch Klassikjazz oder so – eine wie auch immer zu definierende Mischung, die dem Pianisten schier Unbewältigbares abverlangt (auch beim Hören dieser CD stellt sich im Bauch des Hörers sogleich jenes kitzelnde Wohlbefinden ein, das seit der ersten Hamelinveröffentlichung niemals ausgeblieben ist) und dabei so locker, leicht und luftig klingt. Kein Zweifel – Hamelin ist ein Genie, und die hier von ihm vorgestellten Komponisten waren/sind es auch.

Michael Wersin, 30.05.2008



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