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Thomas Tallis, William Byrd

Heavenly Harmonies

Stile Antico

Harmonia Mundi HMU 807463
(78 Min., 5/2007) 1 CD

William Byrd, den im aggressiv anglikanischen Umfeld gefährlich lebenden streitbaren Katholiken, hinsichtlich seines kompositorischen Ethos’ auf die Seite einer reformierten Kirchenmusikanschauung hinüberzuziehen, ist die erklärte programmatische Zielsetzung dieser CD. Nicht um die ornamental verschmückte Sphärenharmonie der englischen Renaissancekomponisten sei es Byrd zu tun gewesen, meint (im übertragenen Sinn) der Beiheftautor und Ensemblebassist Matthew O’Donovan, sondern um eine prägnante und eindringliche Vermittlung des vertonten Textes. Es ist ein alter Konflikt zwischen zwei gegensätzlichen musikästhetischen Sichtweisen, der hier zur Sprache kommt: Hat (geistliche) Musik durch die makellose Vollkommenheit ihrer Satzstruktur die Größe der göttlichen Schöpfung widerzuspiegeln, oder soll sie mittels möglichst engagierter Hinneigung zu Wort und Inhalt des Textes den Hörer direkt ansprechen und vom Heilswirken Christi künden? Es ist wahr, dass die englische Vokalpolyfonie etwa eines John Taverner eher zu Ersterem neigt und dass dagegen Byrds Vertonungen geistlicher Texte, wiewohl ebenfalls für eine katholische Liturgie geschaffen, eminent wortgewaltig daherkommen – insofern ein berechtigter, ja ein interessanter Ansatz, der durch die auf dieser CD erfolgten Gegenüberstellung entsprechender Stücke Byrds und der schlichten mehrstimmigen Psalm-Tunes Thomas Tallis’ noch an Kontur gewinnt: Hie kunstvollste Polyfonie im Dienste des (lateinischen) Bibelwortes, da (englische) Psalmtexte mit bewusst einfach gehaltenen übertragbaren Liedsätzen singbar gemacht – zwei Ansätze, die, aus verschiedenen Richtungen kommend, vielleicht Ähnliches wollen: Liturgischen Gesang dem Inhalt nach besser mitvollziehbar machen.
Der ambitionierte programmatische Ansatz dieser CD-Veröffentlichung erfährt Unterstützung durch eine in jeglicher Hinsicht weitgehend tadellose Interpretation, die sich folgerichtig um bestmögliche Textverständlichkeit durch klare und engagierte Deklamation bemüht. Ein junges Profi-Ensemble, ohne Dirigenten arbeitend, mit einer zutiefst ernsthaften, unbestechlich qualitätsbewussten und von profunder Werkkenntnis befeuerten Arbeitsauffassung – wie schön, dass es so etwas doch immer wieder einmal gibt.

Michael Wersin, 13.06.2008



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