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Georg Friedrich Händel

Händelarien

Danielle de Niese, Les Arts Florissants, William Christie

Decca/Universal 475 8746
(71 Min., 5/2007) 1 CD

Dass die junge Sopranistin Danielle de Niese sehr talentiert ist und über ein außergewöhnliches Stimmmaterial verfügt, kann kaum bezweifelt werden: Auf den Wellen eines niemals stockenden Energieflusses reitet sie, aussagewillig in jedem Moment, enthusiasmiert und begeistert durch Händels kurven- und klippenreiche Koloraturstrecken, dabei den Hörer durchaus wirkungsvoll beim Kragen seiner eigenen Virtuositätsbegeisterung packend. Optimal getragen vom schlanken und durchsichtigen Klang des Barockorchesters "Les Arts Florissants" unter Leitung des Altmeisters William Christie, kann sie sich dabei völlig frei entfalten und ihrer puren, urtümlichen Freude am singen freien Lauf lassen. Ein Dauerfurioso von der ersten bis zur letzten Minute also: Selbst in den ruhigen Nummern wie "Lascia ch’io pianga" oder "Dolce riposo" lockert de Niese nicht ihren kraftvollen Zugriff auf Händels Kantilenen. Dieser Zugriff beinhaltet immer wieder auch das Akzentuieren von dem Text nach eigentlich unbetonten Phrasen-Schlusstönen, die zudem oft auch in unruhigem Vibrato ausflattern oder unter Atemdruck abgerissen werden. Wenn sich Vorfälle dieser Art zu häufen beginnen, fragt sich der Hörer zu Recht, ob diese Art der Behandlung von Bögen sehr viel mit Barockgesang, wie wir ihn heute verstehen, zu tun hat. Expressivität um jeden Preis, angetrieben von einer gehörigen Portion sorgenfreier amerikanischer Vokalkultur, die stilistische Detailfragen auszublenden hilft, wenn die performance insgesamt eine great experience für Hörer und Interpreten zu sein verspricht? Auch das für die noch frische Stimme eines Twens eigentlich allzu üppige Vibrato scheint in dieselbe Richtung zu weisen. Nun, all dies mag für ein Rezital, das nicht ausdrücklich als historisierend musiziert angeboten wird (wenngleich der Name "Les Arts Florissants" doch das Gewicht eines Markenzeichens hat), noch durchgehen. Problematischer sind dagegen die etwas zu tiefen, unter Druck produzierten Spitzentöne, sind die immer wieder vorkommenden überhauchten und nebengeräuschbelasteten Phrasenansätze, sind schließlich auch die oft à la Maschinengewehr herausgeschleuderten Koloraturen. Cecilia Bartoli, heute eine gefürchtete Barockgewitterhexe, hat in diesem zarten Alter überhaupt noch nicht so geklungen; ihr standen in den 20ern noch alle Wege zu einer gepflegten Stimmkultur offen. Danielle de Niese dagegen, höchst begabt und voller schöner Ideen, bewegt sich schon jetzt auf gefährlichem Terrain – aufgepasst!

Michael Wersin, 13.06.2008



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