Dass die Oboe es längst in den engeren Kammermusikkreis geschafft hat, darf kaum bezweifelt werden. Dennoch scheint die Oboe auch vom Repertoire her noch weit davon entfernt zu sein, es etwa mit der Klarinette aufnehmen zu können. Zumindest kann man das aus den Zwischentönen schlussfolgern, die in den Ausführungen von Heinz Holliger mitschwingen. Der muss es ja nun wirklich wissen. Immerhin ist Holliger seit einem halben Jahrhundert die Oboeninstanz schlechthin. Und auch als Komponist hat Holliger sich stets bemüht, die Oboe in bislang ungeahnte Klangwelten vordringen zu lassen. Von den experimentell-hochfragilen Werken des reifen Komponisten Holliger ist die Solo-Sonate des 17-Jährigen selbstverständlich noch weit entfernt. Dennoch dürfte diese 1956 entstandene und erst 1999 herausgegebene Partitur sich schnell zum Standardwerk bei Abschlussprüfungen mausern. Denn die spieltechnischen Hürden kommen denen eines Paganini-Parcours durchaus gleich; die vier Sätze hat Holliger zudem mit burlesker Vitalität und offensiver Kantabilität gewürzt. Holligers Sonate ist aber nicht die einzige Entdeckung in der mit "Oboe Fantasy" betitelten DVD, die in den historischen Räumen der Musikakademie in Basel mitgeschnitten wurde. Als sich Holliger mit dem Keller Quartett sowie Gastsolisten traf, um mit Mozarts Oboenquartett KV 370 das vielleicht erste bedeutende Kammermusikwerk für sein Instrument mit Liebe zum Detail und feinstem Klangsinn aufzunehmen.
Da folgt mit Benjamin Brittens Phantasy op. 2 ein von der Besetzung her identisches, einsätziges Quartett, bei dem die Rhythmen sich wie bei einer schweren Lokomotive in Bewegung setzen. Während Holliger sie mit hochintensiven Melodieskalen kommentiert. Den jedoch wahren Coup haben sich die Musiker für den Schluss aufgehoben. Es ist die 1945 komponierte Fantasia des Tschechen Bohuslav Martinů, die neben der Oboe, dem Streichquartett und einem Klavier gleich noch das elektrische Theremin verlangt. Dieses surrealste aller merkwürdigen Instrumente, bei denen Hände und Finger durch einen scheinbar luftleeren Raum rudern und dabei schauerlich-schöne Tonschleifen entstehen lassen. In Martinůs Fantasy, diesem verlockend traumversunkenen Tonpoem, meint man daher auch, nicht nur den Atem Tristans, sondern gleich den von Dracula zu spüren.

Guido Fischer, 13.06.2008



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