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Vitrine Vocale

Jacobien Vlasman-Quintet

Doublemoon/SunnyMoon DMCHR 71070
(52 Min.) 1 CD

Viele der derzeit populären Sängerinnen im Grenzgebiet zwischen Jazz und Pop hätten das wahrscheinlich anders gemacht, darf man vermuten. Die hätten Jobims "Girl from Ipanema" mal wieder schmuck hüftschwingend über die Strandpromenade laufen lassen, um bloß nicht den Prosecco-Genuss beim Anhören zu zerstören. Jacobien Vlasman aber, gebürtig in Holland, aufgewachsen in Deutschland, ist die etwas andere Jazzvokalistin.
Bei ihr ist das Ipanema-Mädchen nicht bloß Objekt männlicher Begierden, sondern darf sich endlich mal selbst zu Wort melden. Im gewandten Unisono mit Christian Weidners Saxofon erfährt man in Vlasmans Version: Das Girl hat die Schnauze voll von blöden Spannern. Und wünscht sich lieber einen alten Mann mit viel Geld. So ist das also.
Jacobien Vlasman lässt im Laufe ihrer zweiten CD in vielerlei Hinsicht aufhorchen. Das liegt vor allem daran, dass die Niederländerin, die vom Berliner Tagesspiegel schon einmal zur "besten Jazzsängerin der Stadt" erklärt wurde, ihre Stimme in erster Linie als Instrument betrachtet. Mehrfach überrascht sie auf "Vitrine Vocale" mit nonverbalen Vokalisen – etwa in dem fröhlichen, fusionartigen "… und täglich grüßt das Murmeltier" oder in der düsteren, auf irisierenden Gesangsklangflächen aufbauenden "Ballad for a Young Dead Man".
Mit dem Mut zum – allerdings jederzeit schlüssigen – Vokalexperiment setzt sich Vlasman von einem Großteil der singenden Gegenwartskonkurrenz in Deutschland ab. Dass sie mindestens genau so gute Songs mit Pop-Appeal und Seele zu schreiben vermag ("Who Are We to Judge?", "I Stepped into Your Dream"), zeigt sie ganz nebenbei. Und obendrein demonstriert sie mit ihrer vorzüglichen Band auch noch, dass sie Stücken von Prince, Bill Withers oder Chopin wie selbstverständlich neue Seiten abzugewinnen vermag. Das ist weit mehr, als man momentan von Sangesproduktionen im massenfähigen Jazzsegment gewohnt ist.

Josef Engels, 20.06.2008



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