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Franz Schubert

Klaviertrios B-Dur D. 898, Es-Dur D. 929, Notturno Es-Dur D. 897, Sonatensatz B-Dur D. 28

Trio Wanderer

harmonia mundi HMC 902002
(100 Min., 7/2000) 2 CDs

Es gibt jene "späten" Wundersätze Schuberts, die – pars pro toto – einem nicht nur das Innerste des Komponisten, sondern auch das seiner Interpreten offenbaren. Das "Andante con moto" des Es-Dur-Klaviertrios, das auf dem schwedischen, von Schubert ein Jahr vor seinem Tod in Wien gehörten Volkslied "Se solen sjunker" ("Sieh‘ die Sonne untergehen") fußt, ist so ein Wunder. Je nachdem, wie das klagende c-Moll-Thema mit seiner markant punktierten Marschbegleitung, die berückenden Dur-Aufhellungen und abgründigen Moll-Eintrübungen gestaltet werden, ist Schubert als hochexpressiver Sänger zu erleben (etwa bei Heifetz/Lateiner/Piatigorsky), als fragil Introvertierter (wie bei den Historisten Beths/Immerseel/Bylsma) oder als resignierter Tragiker, der gleichwohl zügig-unerbittlich ("con moto") seinem Ende entgegenschreitet (so das "Vienna Piano Trio"). Das französische "Trio Wanderer" präferiert, obwohl es die romantische Symbolfigur bereits im Namen trägt, gerade nicht diese, sondern den introvertierten Sänger – sozusagen die Synthese jener beiden ersten Sichtweisen. Damit korrelieren ein gemessenes Tempo und ein Ausdrucksspektrum, das Extreme zwar nicht scheut, aber doch "klassisch" einbettet in tradierte formale Abläufe. Dass diese französische Contenance auch für jene verzweifelt-kämpferischen Durchführungs-Abschnitte gilt, die Schubert oft in das gähnende Nichts, in das stumme Entsetzen einer überdehnten Generalpause kollabieren lässt, kann man – von einem extremen Standpunkt aus, wie ihn das Wiener Klaviertrio so hinreißend verstörend propagiert – durchaus als Manko empfinden. Allerdings als relatives. Denn die Spielkultur des Trio Wanderer muss schlichtweg vollendet genannt werden: so homogen – auf einem Atem und minutiös abgestimmt in der Gewichtung von Haupt- und Nebenstimmen – werden hier jeder diffizile Metrumwechsel, jede klangfarbliche Subtilität gestaltet, dass man gleichsam einen Spieler in dreifacher Erscheinung zu hören glaubt. Mithin fehlt zum restlos beglückenden Schuberterlebnis nur die Risikobereitschaft, sich bedingungsloser auf jene nach wie vor unbegreiflichen Bodenlosigkeiten des vereinsamten Wanderers einzulassen.

Christoph Braun, 20.06.2008



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