Mindestens 300 Jahre sollte der Nachruhm Herbert von Karajans seinem eigenen Willen nach dauern. Doch was "zeitlos" gedacht war, erweist sich oft als besonders zeitgebunden. Wie Karajans Regiestil. Nur ganz hartgesottene Altwagnerianer können seine Salzburger "Rheingold"-Inszenierung noch mit Wohlwollen anschauen, alle anderen können sich allenfalls in Ironie flüchten oder wenden sich gelangweilt ab. Die Götter stehen beharrlich in einer Papp- und Styroporkulisse, die stark an frühe Episoden von "Raumschiff Enterprise" erinnert, und bewegen erstaunlich asynchron die Lippen zum Vollplayback. Die namenlosen Rheintöchter-Darstellerinnen hängen an Seilen wie auf den Bayreuther Regieskizzen aus dem Jahr 1876, und alle schwitzen in den Masken, Perücken und falschen Bärten, die auf weite Entfernung zum Publikum kalkuliert sind. Selbst unfreiwillige Komik will sich da nur selten einstellen. Erstaunlich, dass Karajan in dieser Studioverfilmung auch die Mittel des Films nur selten nutzt, und das Ganze kaum über die Abfilmung einer statuarischen Aufführung hinausreicht. Peter Schreier ist ein im Grunde zu lyrischer Loge, Gerhard Stolze (Mime) und Brigitte Fassbaender (Fricka) überzeugen auf der ganzen Linie, während Thomas Stewart (Wotan) zwar außerordentlich kultiviert singt, in seiner Bemühung um göttliche Würde jedoch arg steif wirkt. Die damals schon nicht mehr junge Martha Mödl leiht der Sängerin Birigt Finnilä als Erda ihr Gesicht, und für Momente scheint auf, was ausdrucksvolles Spiel bedeuten könnte. Die Berliner Philharmoniker liefern dazu den luxuriösen Wohlklang einer längst vergangenen Zeit, sind aber vor allem in den Blechbläsern auch erstaunlich intonationsunsicher. Niemand erwartet von Karajan die Zuspitzung der Wagner’schen Motive, aber so plüschig-langsam wie er muss man diese Musik auch nicht zelebrieren. Die Wiederbegegnung mit dem 30 Jahre alten Mythos von den Salzburger Osterfestspielen sorgt für eine schnelle Entzauberung. Früher war doch nicht alles besser.

Uwe Friedrich, 20.06.2008



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