Dmitri Schostakowitsch

Sinfonie Nr. 1

Schleswig-Holstein Festival Orchester, Leonard Bernstein

Medici Arts/Naxos 2072158
(85 Min., 7/1988) 1 DVD

Wie ein cooler Buddha sitzt er da mit seiner Sonnenbrille – und posaunt mit seiner knarzend-rauchigen Stimme hinaus: "Ihr könnt mich mal!" Damit hat Leonard Bernstein natürlich nicht die über 100 jungen Musiker gemeint, die sich im Juli 1988 zu einer Probesession mit dem amerikanischen Maestro zusammengefunden haben. Wie es zu Bernsteins pädagogisch mitreißendem Fingerspitzengefühl eben gehörte, hatte er nur die Haltung auf den Punkt gebracht, mit der Dmitri Schostakowitsch 1925 seine erste Sinfonie komponierte und damit allen Gralshütern der russisch-romantischen Tradition vor den Kopf stieß. Nicht zufällig stand dieses voller Aufbruchsstimmung steckende Erstlingswerk des damals 21-jährigen Schostakowitsch daher auch auf dem Proben- und schließlich auf dem Konzertzettel. Als Bernstein 1988 wieder zum Schleswig-Holstein Festival zurückkehrte, um während der von ihm initiierten Sommerakademie im Schloss Salzau das Werk mit dem Schleswig-Holstein Musikfestival Orchester einzustudieren und aufzuführen.
Liegen die Aufzeichnungen nunmehr auch schon 20 Jahre zurück, dürften die damals aufstrebenden Orchestermusiker ihre Erlebnisse mit dem glänzend aufgelegten Animator Bernstein wohl bis heute nicht vergessen haben. Wie Bernstein in seinem schneeweißen Jogging-Anzug die Presslufthammer-Rhythmen im finalen "Allegro" vormachte. Wie er sich mit Charme und Akribie einzelne Instrumentengruppen vorknöpfte. Oder wie er bei einem Diminuendo den "alten Greis" Furtwängler mit den Worten zitierte: "Diminuendo heißt Forte." Einen kongenialeren Orchestererzieher und -freund als Bernstein kann man sich nicht vorstellen. Und weil sich Schweiß und Humor bei Bernstein schon immer in klingender Münze ausgezahlt haben, wurde das Konzert am 16. Juli 1988 dementsprechend zum vollen Erfolg – besonders für all die Musiker, die als Sahnehäubchen noch die persönliche Heiligsprechung erhielten. Von dem Welt-Umarmer Lenny.

Guido Fischer, 20.06.2008



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