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Dmitri Schostakowitsch, Sergei Rachmaninow

Lieder

Iris Oja, Roger Vignoles

Harmonia Mundi HMU 907449
(58 Min., 11/2006) 1 CD

Nicht nur volltönig, rund und tief sollte eine Stimme sein, die sich in die dunklen, russischen Liedwelten wagt. Gerade die Momente, in denen das Blut im heftigen Affekt überkocht, müssen hellwach angegangen werden, um nicht den markdurchdringenden, wie ein Röntgenstrahl gesetzten Lebensschrei ins Hysterisch-Schrille umkippen zu lassen. Allein von der Papierform sind die Anforderungen dementsprechend hoch. Bei den von der jungen estischen Mezzo-Sopranistin Iris Oja ausgewählten Liedern von Sergei Rachmaninow, die noch ganz das hochromantische Leuchtfeuer in sich tragen, wie auch in den beiden Liedzyklen von Dmitri Schostakowitsch. Und was man für ein Rückgrat bei diesen Spagatkünsten zwischen traumhafter Introversion und kraftvoller Expressivität besitzen muss, haben schon Galina Wischnewskaja und Elisabeth Söderström vorbildlich unter Beweis gestellt. Doch von dieser Liga ist Iris Oja (zumindest zurzeit) weit entfernt.
Das merkwürdig zwitterhafte Nationalkolorit in Schostakowitschs "Spanischen Liedern" op. 100 gestaltet Oja viel zu harmlos – wohl weil sie sich regelrecht verkrampfte und nicht das Archaisch-Folkloristische in vollen Zügen genoss. Auch in Schostakowitschs "Fünf Romanzen" op. 98 fällt eher ihre sprachliche Genauigkeit auf als ein stimmliches Timbre, das sich in diesen hintergründigen Vertonungen von Gedichten Jewgeni Dolmatowski durchaus auch wohlfühlen darf. Ojas Tongebungen sind dafür oftmals einfach zu flach, zu spitz. Und in den Liedern Rachmaninows aus den Jahren 1892 bis 1906 zeigt sich, dass vokale Gebrochenheit und bisweilen unschöne Töne besonders in der Mittellage hier nicht vielleicht doch als sinnstiftende Verrückungen fungieren, sondern nur Ausweis einer noch längst nicht sattelfesten Künstlerin sind. Wenigstens Pianist Roger Vignoles wurde dem Rang der Musik gerecht.

Guido Fischer, 27.06.2008



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