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Karlheinz Stockhausen

Helicopter String Quartet

Arditti Quartet

Medici Arts/Naxos 3077508
(113 Min., 1995) 1 DVD

Wer Flugangst hat, muss eben unten bleiben. Auch wenn mit dem Navigationskünstler Karlheinz Stockhausen als Bodenpersonal nicht viel passieren kann. Doch selbst dem Kronos Quartet, das eigentlich keine Furcht vor musikalischen Abenteuern kennt, wurde es zu brenzlig. Als Stockhausen den Amerikanern die Uraufführung seines "Helikopter-Quartetts" anbot. So sprang das englische Arditti Quartet ein und 1995 tollkühn in die vier Hubschrauber, um Stockhausens Klänge abheben und von den Rotorblättern verwirbeln zu lassen. Zwischen Himmel und Erde. Aber erstmals so nah an den Rändern des Universums, auf das Stockhausen seine Mikrofone stets ausgerichtet hatte. Denn davon war Karlheinz Stockhausen, der am 22. August seinen 80. Geburtstag hätte feiern können, überzeugt: Irgendwo zwischen den Planeten- und Sonnensystemen musste musikalisches Leben in vorbildlicher Universalharmonie existieren. Den letzten, handfesten Beweis dafür blieb zwar Stockhausen schuldig. Aber zumindest mit seinen komponierten Visionen von diesen "transrealistischen Welten" hatte Stockhausen seit einem halben Jahrhundert zumindest auf der Erde die objektiv wahrnehmbaren Musiksphären aus den Angeln gehoben. Mit elektronischen Werken wie "Gesang der Jünglinge", mit "Gruppen" für drei Orchester und später dann mit seinem Musiktheater-Koloss "Licht" als mystisch-spirituelle Interpretation der sieben Schöpfungstage erfand Stockhausen nicht nur bislang Ungehörtes in jedweder Form. Immer auch sprengte er damit Wahrnehmungs- und Klangräume, machte er Musik zu einer Raummusik im wahrsten Sinne. Dementsprechend musste er bzw. seine Musik irgendwann einmal auch die Lüfte erobern. Und kaum gab ihm ein Traum ein Zeichen bzw. die Richtung an, komponierte und konzipierte er mit dem "Helikopter"-Quartett eines seiner auch für die Medien spektakulärsten Projekte.
1995 wurde dieses rund halbstündige Werk als "Licht"-Teilstück aus "Mittwoch" beim Holland Festival in bzw. über Amsterdam uraufgeführt. Mit eben den vier, auf vier Hubschrauber verteilten Arditti-Streichern, die dahinschwebend riesige Glissandi-Schleifen produzieren und gleich noch Zahlenkolonnen schreien und singen müssen. Bevor aber Stockhausen per Liveschaltung Ton und Bild für das Publikum koordinierte, hielt im Vorfeld der niederländische Regisseur Frank Scheffer den musikalischen wie technischen Aufwand fest. Bei der Dokumentation "Helicopter String Quartet" gerät man so mitten in die Proben – und bekommt zum ersten Mal auch einen Eindruck, wie sich eine "sri-lankische Sieben" anhört (Stockhausen macht’s vor: hinaufstürzend und vibratoreich zitternd). Zwischendurch gibt der gewohnt mitteilungsfreudige Stockhausen Ein- und Ausblicke in dieses und überhaupt in sein gesamtes Werk. Und spätestens danach versteht man, dass sein riesiges Schaffen eigentlich nur auf einem Urtraum basiert: "Ich habe immer geträumt, dass Musik fliegt, weil ich fliege."

Guido Fischer, 04.07.2008



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