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Gustav Mahler

Sinfonie Nr. 4 G-Dur

Luba Orgonásová, Tonhalle-Orchester Zürich, David Zinman

RCA/Sony BMG 88697168522
(57 Min., 11/2006) 1 CD

Ein schmerzlicher Reinfall. Schmerzlich, weil im vierten Teil von Zinmans Züricher Mahlerzyklus einmal mehr das "Äußere" besticht – angefangen vom geschmackvollen booklet und einer exzellenten Aufnahmetechnik bis zu den außerordentlichen Ensemble- und Solistenqualitäten des Tonhalle-Orchesters –, aber das Eigentliche einen kalt lässt. Wo soll, bei diesem überaus gemächlich inszenierten, samtenen, wohlgerundeten Züricher Edelklang das aufscheinen, was Jens Malte Fischer Mahlers "radikalsten Kommentar zum Weltlauf" nennt – denn das ist diese scheinbar so mozärtlich angehauchte, kammermusikalisch-subtile Sinfonie, ausgerechnet! Mahlers Höranweisung, auf ihr Doppelbödiges, ihr "als ob" zu achten: "Der erste Satz fängt doch gleich charakteristisch genug mit der Schellenkappe an!" –, sie hat Zinman offenbar nicht weiter interessiert. Statt Mahlers Narrenkappe zu sichten, scheint man sich im Zürich – ganz ohne Ironie – an dem zu orientieren, was das abschließende "Wunderhorn"-Lied "Die himmlischen Freuden" in der ersten Strophe besingt: "Lebt Alles in sanftester Ruh‘!" Womit diese paradiesischen Freuden konterkariert werden: mit bewusst "falschen" Walzer-, Haydn-, Ländler- und Kinderlied-Anleihen sowie mit den (wenigen) kreischend-panischen Ausbrüchen oder der E-Dur-Explosion als Ausblick ins Paradies –, das wird ohne Witz und Verve bzw. ohne nennenswerte Dramatik nur angedeutet. Die Tempowahl, bei der der Komponist angesichts der vier langsamen Sätze vor allzu großer Zähigkeit warnte, tut ein Übriges: Für jenen Schluss- und Schlüsselsatz benötigt Zinman ein Drittel mehr Zeit als Mahler selbst und Bruno Walter (der Meister 1905 auf dem Welte-Mignon-Klavier, sein Schüler 1945 mit den New Yorker Philharmonikern). So versickert denn auch das Skurrile und Sarkastisch-Brutale dieses wahrhaft irdisch anmutenden Schlaraffenland-Paradieses, in dem Engel prassen, nachdem sie unschuldige Tiere abgeschlachtet haben, in gepflegter Langeweile. Daran ändert auch Luba Orgonásovás dunkel timbrierter Schöngesang nichts: von textnaher geschweige denn hintersinniger Gestaltung der kindlich-heiteren horror-picture-show kann keine Rede kann.

Christoph Braun, 17.07.2008



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