Männer mit käsigen Beinen in schmutzigen Unterhosen und zerrissenen Pullovern; Männer, die sich bei der Aufführung einer Pantomime im sibirischen Lager mangels weiblicher Mitspieler gegenseitig an die dreckige Wäsche gehen. Muff und Mief steigen dem Zuschauer förmlich in die Nase. (Hin und wieder muss man sich selbst beruhigen: Das hat ja nur die Requisite alles so eklig zubereitet.) Soweit ist das Gefangenenleben atmosphärisch ganz gut getroffen – aber darum geht es ja nicht in der Hauptsache. Über diesen Kostümzauber hinaus gilt es ja, die existentielle Ebene, die einzelnen menschlichen Schicksale zu erfassen, vielleicht Mitgefühl zu entwickeln. Das ist nicht leicht: Janáčeks Musik, oftmals aufwühlend und eindringlich, aber doch auch distanziert, hilft dem Zuhörer nicht besonders, und Sänger sind nun mal nicht unbedingt perfekte Schauspieler. Die Bonustracks mit Ausschnitten aus der Probenarbeit des Regisseurs Patrice Chéreau und des Ballettmeisters Thierry Thieu Niang offenbaren die Problematik: Sprachliche Barrieren im Spannungsfeld von Englisch, Deutsch und Französisch führen dazu, dass oft schon die Weitergabe elementarster Anweisungen eine Leistung ist – auf diesem Wege entsteht nicht unbedingt eine wirklich ausgeklügelte Darbietung.
Dabei schlagen sich die Sänger weitgehend recht gut: John Mark Ainsley brilliert stimmlich als Skuratov, Eric Stoklossa ist rundum ein überzeugender Aljeja – der einzige unter den Sträflingen, der Sympathie zu wecken in der Lage ist. Olaf Bär in der Rolle des Adligen Alexander Petrowitsch hat recht wenig Gelegenheit, sich zu profilieren. Seine Grundhaltung ähnelt etwas dem Habitus eines Rainer Hunold als Rechtsanwalt Dr. Franck in "Ein Fall für zwei", dem sein Matula abhanden gekommen ist. Ein schwieriges Stück, fürwahr – auch von einer Starbesetzung nicht leicht so auf die Bühne zu bringen, dass man wirklich ins Geschehen hineingezogen würde.

Michael Wersin, 17.07.2008



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