Responsive image
Heitor Villa-Lobos

Sinfonie Nr. 10 "Amerindia"

Lothar Odinius, Jürgen Linn, Henryk Böhm, Chor der Oper Zürich, Orchester der Oper Zürich, Carl St. Clair

cpo/jpc 999 786-2
(73 Min., 11-12/1999) 1 CD

José de Anquieta, ein 1534 auf Teneriffa geborener Jesuit, wird in Brasilien als Gründungsvater der Hauptstadt Sao Paulo verehrt. Der zeitlebens unter den im Noviziat durch harte Askese erlittenen gesundheitlichen Schädigungen leidende Missionar machte sich u. a. bei Friedensverhandlungen zwischen Portugiesen und brasilianischen Ureinwohnern verdient; er starb 1597 in Brasilien. Heitor Villa-Lobos setzte Anquieta in seiner zehnten Sinfonie, komponiert anlässlich der 400-Jahr-Feier von Sao Paulo (1954), ein Denkmal: Er vertonte im vierten und fünften Satz Abschnitte aus dem gewaltigen marianischen Gedicht „De beata virgine Dei mater Maria“, das im Original 1.472 Zeilen umfasst und von Anquieta in Geiselhaft geschaffen wurde. Zu Wort kommen ferner auch die "Stimme der Erde", ein Ameríndio sowie Indianer und Indianerinnen im Chor.
Die musikalische Gestalt der Sinfonie kann man nur als überwältigend bezeichnen: Die für Villa-Lobos typischen brasilianischen Elemente auf rhythmischer und melodischer Ebene werden kombiniert mit den Aspekten der nachromantischen europäischen Sinfonik (effektvoller Choreinbau, Vokalsoli, gewaltige Steigerungswellen von schier übermenschlicher Wucht); Anlage und christlich-religiöse Thematik lassen zwangsläufig Mahlers "Achte" assoziieren, obwohl Villa-Lobos freilich mit ganz anderer musikalischer Substanz umgeht. Ein gewaltiges Fest ungezügelter Klangpracht voller bizarrer, exotischer Höhepunkte – eine eindrucksvolle Hörerfahrung, äußerst kompetent vermittelt durch das SWR Radio-Sinfonieorchester samt Chor und Solisten unter Leitung von Carl St. Clair.

Michael Wersin, 01.08.2008



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Werk und Biografie: Immer wieder führt dieses Spannungsfeld zu Einsichten in Komponistenleben, die Rätsel aufgeben oder einen zumindest staunen machen. Nikolai Mjaskowski zum Beispiel kam aus einer russischen Offiziersfamilie, ging auf die Kadettenschule, später auf die Petersburger Akademie für militärisches Ingenieurwesen und wurde anschließend, wie sein Vater, Offizier. Daneben aber komponierte er, und dieses Oeuvre hat mit Drill und militärischer Strenge so gar nichts zu tun. […] mehr »


Top