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John Dowland u.a.

Crystal Tears

Andreas Scholl, Concerto di viole, Julian Berh

Harmonia Mundi HMC 901993
(80 Min., 10/2007) 1 CD

Auf der Bonus-DVD, die den Aufnahmeprozess von Andreas Scholls aktueller Einspielung in Ausschnitten dokumentiert, stellt dieser Wunder-Countertenor von Orpheus’ Gnaden eine Behauptung auf, bei der man nur den Kopf schütteln kann: Er sei kein Experte für die englische Renaissance-Musik. Wie bitte? Wer hat denn außer ihm schon jemals so verlockend samt, so berauschend lieblich und so ausgeglichen sanft die Schwermut besungen, wie sie die Zeitgenossen um John Dowland in ihren Songs verewigt haben. Und neben der ätherischen Tonschönheit legt Andreas Scholl auch in Artikulation und Textverständlichkeit, in Phrasierung und Rhetorik für nachfolgende Spezialisten die Meßlatte gleich ein zweites Mal unerreichbar hoch.
Dass Scholl stets ein tröstendes Lächeln auf die klanggewordenen Trauerminen zaubern kann, ist aber gleichermaßen seinen altvertrauten Musikerfreunden zu verdanken. Das Ensemble Concerto di Viole ist auf dem Gebiet der elisabethanischen Consort-Musik ein idealer Seismograf für die gefühlsgetränkten Introversionen, für die akustische Liebesseelen-Fäulnis. Und Lautenist Julian Behr setzt im Halbdunkeln mehr als nur die nötigen Ausrufezeichen. Der englische Gelehrte und Melancholie-Forscher Richard Burton schrieb 1621 in seiner "Anatomy of Melancholy" einmal über die Macht der Musik: "Viele werden beim Anhören von Musik melancholisch, aber es ist eine lustvolle Melancholie, die so entsteht; und deshalb ist sie für Menschen im Zustand von Unzufriedenheit , Schmerz, Angst und Sorge oder Niedergeschlagenheit ein sehr probates Heilmittel: Es vertreibt den Kummer, wandelt den betrübten Geist und hilft im Augenblick." Im Fall der "Crystal Tears" von Andreas Scholl verhält es sich ein wenig anders: Diese Musik hilft nicht nur im Augenblick, sondern fortan.

Guido Fischer, 01.08.2008



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