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Franz Schubert

Winterreise

Roman Trekel, Oliver Pohl

Oehms Classics/harmonia mundi OC 810
(65 Min., 6/2007) 1 CD

Es gibt zwei Singhaltungen Roman Trekels, die dem Hörer das angenehme Gefühl interpretatorischer Authentizität vermitteln: Weiche Voix-mixte-Passagen vor allem in der Mittellage, zu erleben etwa in der letzten Strophe des "Lindenbaums" oder über weite Strecken in der "Wasserflut", und kraftvoll-offenes Forte in der hohen Lage, wie es z. B. die Höhepunkte der "Erstarrung" kennzeichnet. Zwischen diesen Polen jedoch gibt es auch eine Menge nicht ganz freier, von der Halsmuskulatur über die Maßen festgehaltener und deshalb wenig Aura und klangliche Rundung entfaltender Töne – Roman Trekels Markenzeichen seit langer Zeit. Mag sein, dass er mit diesem Ansatz auf der Opernbühne gut bestehen kann – in der intimen Gattung des Liedes, wo Lautstärke eine untergeordnete Rolle spielt, hätten wir gern noch mehr von den anderen Tönen gehört, jenen Tönen, die durch ihr Losgelassen-Sein ungleich mehr vom Innenleben des Sängers offenbaren, die den Hörer verstehen lassen, was der Interpret eigentlich aus seiner persönlichen Sicht mit den in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Liedern zum Ausdruck bringen will.
Dennoch ist dies die beste Lieder-CD Roman Trekels seit langer Zeit, denn zumindest in der Tendenz neigt der Sänger endlich wieder dem Natürlichen, Unprätentiösen zu. Was will Roman Trekel als Winterreisender seinem Publikum sagen? Welcher Art sind seine Enttäuschung und Frustration, was verletzt und schmerzt ihn in der Erinnerung besonders, und wohin geht er? Der Autor glaubt zu verstehen: Er ist hin- und hergebeutelt zwischen einer sehr in sich gekehrten, resignierten Gestimmtheit einerseits und immer wieder aufflammender, leidenschaftlicher Zornigkeit andererseits. Er ist in hohem Maße unruhig und getrieben, dem Wahnsinn nahe. Er wühlt mit seinem Unglück den Hörer auf, ohne wirklich sein Mitleid zu erwecken – dafür ist er ihm zu fern, hat sich schon zu sehr zurückgezogen in seine eigene Leidenswelt. Am gelöstesten ist er – stimmlich wie interpretatorisch – im letzten Lied, dem "Leiermann". Fast könnte man meinen, hier dürfe Trekels Winterreisender nach langer Irrfahrt endlich sterben. Dies mag eine denkbare Interpretation der "Winterreise" sein, die übrigens auch der Beihefttextautor andeutet. Die grausamste, die wahrscheinlichere Verständnisvariante ist es indes nicht: die vom Holländer-haften Niemals-sterben-können, vom endlosen Umherirren im ewigen Eis.

Michael Wersin, 08.08.2008



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