Responsive image

Gently Disturbed

Avishai Cohen-Trio

Razdaz/Rough Trade
(56 Min., 9/2007) 1 CD

Geht das denn eigentlich noch – mit einem Pianotrio Musik zu machen, die irgendwie anders, originell und unerhört ist? Allen Bewunderern von Bill Evans, Brad Mehldau, e.s.t. und The Bad Plus sei gesagt: Es ist möglich. Vielleicht liegt der Schlüssel ja darin, dass der Anführer dieses speziellen Trios "bloß" ein Teilzeitpianist ist. Und im Hauptberuf einer der bemerkenswertesten Bassisten der Gegenwart.
Der Israeli Avishai Cohen war unter anderem Gründungsmitglied von Chick Coreas Gruppe "Origin" Mitte der Neunziger Jahre. Etwas von dem verspielten Virtuosentum seines Entdeckers mag auf Cohen abgefärbt haben. Und auch für andere Elemente, die die Trioaufnahme "Gently Disturbed" bestimmen, dürfte es biografische Bezugspunkte geben – die nahöstliche Schwermut und Liebe zur Klassik, die Cohen mit seinem neuen Pianisten und Landsmann Shai Maestro teilt, die Lust an komplexen Grooves mit eigentümlichem Latineinschlag, die den seit 1992 in New York lebenden Bassisten mit seinem langjährigen amerikanischen Schlagzeuggefährten Mark Guiliana verbindet.
Aber bündig erklären und beschreiben kann man trotzdem nicht, was die drei da zusammen anstellen. Bei dem Versuch, die Taktarten in Nummern wie "Chutzpan", "Prinzin Kinzin" oder "Eleven Wives" zu bestimmen, kommt man gehörig aus dem Konzept (und wippt dennoch wie wild mit den Füßen mit). Wozu noch weiter analysieren, was einen auch in den nicht seltenen lyrischen, impressionistischen Momenten so seltsam anrührt und packt? Lassen wir das und stellen fest, dass Avishai Cohens Trio Brücken zwischen Bach und Volksliedern der Sephardim, zwischen Philip Glass und Robbie Williams, zwischen unverschnarchter Kammermusik und unprätentiösem Jetztzeit-Jazz baut, wo und wie wir sie nie erwartet hätten.

Josef Engels, 23.08.2008



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Bloß kein BreX-mas: Da haben die Chefunterhändler ganze Arbeit geleistet, damit Theresa May und Jean-Claude Juncker endlich den Durchbruch bei den Brexit-Verhandlungen verkünden konnten. Doch grüne Grenzen und Binnenmarkt-Bestrebungen in Ehren – wie hoch wäre eigentlich der kulturelle Verlust Europas durch den Ausstieg der Briten zu beziffern? Wir meinen, gerade was Advent und Weihnachtszeit angeht ist der Beitrag des Vereinigten Königreichs kaum hoch genug zu schätzen, da die […] mehr »


Top