Wie der Name des englischen Labels "Opera Rara" schon andeutet, will man all diejenigen versorgen, die schon alles zu haben und zu kennen glauben. Dass es sich dann bei den oftmals weltersteingespielten Ausgrabungen unbedingt um vergessene Meisterwerke handeln muss, gehört zwar nicht zur Veröffentlichungsphilosophie. Aber wenn man durch die Bank mit Dirigenten, Orchestern und Sängerensembles zusammenarbeitet, die mit unüberhörbarem Spaß und Einsatz bei der Sache sind, dann können aus so manchen Trouvaillen funkelnde Edelsteine werden. Wie jetzt bei der CD-Premiere der Opéra-comique "La cour de Célimène" von Ambroise Thomas. 1855 in Paris uraufgeführt, gehörte auch dieser Zweiakter zu jenen schablonenhaft angelegten Opéra-bouffe, wie sie in der Zweiten Republik en vogue waren. Einen gewissen Nachruhm sicherte Ambroise Thomas sich eher mit seinen Opern "Mignon" und "Hamlet".
Den musikliterarischen Anspruch kann Thomas' "La cour de Célimène" trotz der aus Molières "Misanthrope" entlehnten Titelfigur Célimène nicht ganz erfüllen. Doch dagegen bieten die musikalischen Ingredienzien dank einer durchweg aufgeweckten Mannschaft eine Kurzweil, die nicht ganz, aber doch fast an so manche Offenbachiade heranreicht. Der Handlungsfaden ist da denkbar einfach ausgelegt: Eine mannstolle Comtesse kann sich zwischen gleich zwölf Verehrern nicht entscheiden. Das musste im Groben ausreichen, um darunter eine mitreißende, niemals ermüdende Partitur zu legen. Was Thomas geschafft hat! Für die Comtesse (hier die mit allen Koloraturreizen herrlich kokettierende Laura Claycomb) komponierte Thomas die Arie "Que voulez-vous", die ab sofort bei keinem Opéra-comique-Potpourri mehr fehlen darf. Und selbst in den Chorsätzen steckt ein dauerpulsierender Elan, den das Philharmonia Orchestra mit Bravour vorgibt. "La cour de Célimène” mag kein genialer Wurf sein – nach dieser Aufnahme könnte man das aber glatt vergessen.

Guido Fischer, 23.08.2008



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