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Carl Nielsen

Complete Piano Music

Martin Roscoe

Hyperion/Codaex CDA 67591
(117 Min., 2/2007, 6/2007) 2 CDs

Der Däne Carl Nielsen war ein Eigenheimer, keiner Tradition verantwortlich, keinem Einfluss etwas schuldig. Seine sechs Sinfonien stehen unauslöschlich in der europäischen Musiklandschaft, und das Gleiche gilt für die (allerdings weniger bekannten) Opern, Konzerte und die Kammermusik. Verblüfft allerdings registriert selbst der Kenner, dass es von dem höchstens mittelmäßigen Pianisten Nielsen noch ein Klavierwerk gibt, das immerhin zwei Compact Discs füllt und zwischen charmantem Bagatellenton sowie geradezu brachialer Sinfonik alle Klangregister zieht. Der Stil ist eklektisch im besten Sinne, „allumfassend“, mal tonal, mal freitonal, pentatonisch oder auch modal – insofern auch ein Spiegel des 20. Jahrhunderts und seines Kunstpluralismus. Dabei unterscheidet die Aufnahme deutlich in zwei Gruppen: pointierte, oft sekundenkurze „Stücke für Alt und Jung“, die Nielsen selber spielen konnte, und wuchtige, nicht immer leicht zu erschließende „Brocken“. Martin Roscoe, der Interpret, konfrontiert den Hörer auf CD 1 gleich mit einem solchen: dem akkordischen Geschiebe „Intonation“ aus der „Sinfonischen Suite“ op. 8. Danach kommen die traumverlorenen, die witzigen und die nachdenklichen Petitessen.
Roscoe triumphiert in beidem, denn im Gegensatz zum Komponisten ist er ein wahrer Virtuose. Kristallklar artikuliert er die Programmstücke, da kobolzt ein Springteufel, dreht sich ein Kreisel, leidet Mignon an der Sehnsucht. Aber mit derselben Prägnanz und Poesie fängt er das Absolute ein, ein Grazioso, ein Lugubre, ein Drammatico. Vielleicht am schönsten gelungen, kompositorisch wie interpretatorisch, ist das Thema mit Variationen op. 40 auf CD 2, eine geradezu abenteuerliche Reise durch die Tonalität und (fast) darüber hinaus. Der Komponist gab dem Werk ein charakteristisch bildhaftes Motto bei: „Ein Mensch kämpft mit dem Rücken zu einem Eisberg ... Am Ende, ausgelaugt und doch trunken, stolpert er von der Bühne.“ Das ist es letztlich, was Martin Roscoe mit seiner fabelhaften Technik herausmeißelt, das Bühnenhafte, das Als-ob, das doch bei näherem Betrachten sich strukturierter zeigt als auf den ersten Blick. Wie wenn ein Zauberer auf der Bühne sein Publikum mit einem spektakulären Trick zu bluffen scheint – und bei genauerem Hinsehen entpuppt sich's als wahre Magie. Ein Tipp für Pianisten: Chopin oder Brahms haben wir inzwischen reichlich – Nielsen, in dieser auch klangtechnisch superben Aufnahme, wäre eine Entdeckung wert.

Thomas Rübenacker, 29.08.2008



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